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"Unser Chef geht in die 9b" - Schülerfirmen in ...
[Online-Version der gleichnamigen Print-Publikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung] [Druck-Version]
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Der Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" an Mittelschulen des Freistaates Sachsen
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Fünf Porträts und vier Gespräche
Was im Deutschen als "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" bezeichnet wird, heißt im Englischen lakonisch "Education for Enterprise". Ich höre den Einwand der Sprachkundigen: Die Formulierungen sind nicht deckungsgleich, und die Differenz ist kein Ergebnis philologischer Sorglosigkeit. Tatsächlich handelt es sich bei der deutschen Bezeichnung nicht einfach um eine Übersetzung des englischen Originals. Hier wie dort wird versucht, eine schulpolitische Initiative zu beschreiben, die sich der Bestimmung per definitionem weitgehend entzieht. Denn es handelt sich um einen offenen Vorgang, um ein work in progress, um einen bemerkenswerten, unabgeschlossenen Versuch.
Sein Ursprung liegt im Angelsächsischen. Vor etwa dreißig Jahren entstanden in Großbritannien und Irland die ersten "mini-companies". Das waren kleine Schülerunternehmen, die eine Brücke zwischen dem Schulleben und dem Berufsleben schlagen sollten. Was zunächst nur Teil der konservativen Revolution war, eine "Kopfgeburt des Thatcherismus", der im 'entrepreneur' das Heil der gesamten Gesellschaft erblickte, erwies sich bald als ernstzunehmender Ansatz, den Übergang von der Schule in den Beruf zu erleichtern. Die Konzeption veränderte sich. Aus den workshops für künftige Existenzgründer wurde der M o d e l l v e r s u c h, der vorrangig neue Einstellungen zu Schule und Beruf vermitteln soll.
Der Weg der Schule ist mit solchen Versuchen gepflastert. Jeder Pädagoge weiß davon zu berichten. Die meisten Schulversuche waren kurzlebig; sie sind längst vergessen. Man kann das resignierend bedauern, man sollte allerdings von Fall zu Fall prüfen, welche Impulse von ihnen ausgegangen sind - trotz ihres Scheitern. Insgesamt gilt eine Erfahrung des Sports: Ein vergeblicher Start ist ärgerlich; aber wer nicht antritt, vergibt jede Chance.
"Education for Enterprise" hat die Startphase längst hinter sich. Die Wechselbeziehung von Schulleben und Berufsleben beschäftigt alle Industrieländer; die traditionelle Trennung und Aufeinanderfolge von Schule und Beruf ist obsolet. Schulwelt und Arbeitswelt durchlaufen eine krisenhafte Zeit: Gerade deshalb müssen sie nach gemeinsamen Lösungen suchen. Im Mai 1988 verabschiedete "der EG-Ministerrat und die im Rat vereinigten Bildungsminister Schlußfolgerungen zu einem langjährig in allen Mitgliedsstaaten durchgeführten Modellversuchsprogramm zur Verbesserung des Übergangs Jugendlicher von der Schule in den Beruf." Dabei ging es auch um "Education for Enterprise". Andere - nationale und internationale - Initiativen folgten. Auch in Deutschland. Im Juni 1991 veranstaltete die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung eine Fachtagung "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist", auf der sie vorliegende Erfahrungen bilanzierte, Probleme benannte und weitere Versuche initiierte.
Damit sind wir beim Modellversuch an fünf ostsächsische Mittelschulen, der 1994 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBWFT) und dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus in Auftrag gegeben wurde. Träger des Projekts ist die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in Berlin; die Projektleitung liegt bei Frau Dr. Antje Finke in Dresden.
1995 entstanden an Mittelschulen in Dresden, Großschönau, Hoyerswerda, Bautzen und Neustadt in Sachsen Schülerunternehmen, die jetzt auf ihr erstes Geschäftsjahr zurückblicken. Wie diese Unternehmen arbeiten, welche Erfolge und Schwierigkeiten sie erfahren haben, vor allem aber, wie sie Eingang in den Alltag der Schule finden, das soll hier dargelegt werden. – Was ist ein Schülerunternehmen? Darauf gibt es keine allgemeinverbindliche Antwort.
Christian Petry, Geschäftsführer der Freudenberg-Stiftung, die am Zustandekommen des Versuchs maßgeblich beteiligt ist, hat an einem Beispiel demonstriert, was sich nur schwer 'auf den Begriff' bringen läßt. "Eine Schülerzeitung", schreibt er, "wird dann zum Unternehmensprojekt, wenn sich die Schüler nicht nur um die Redaktion und eventuell noch die drucktechnische Herstellung bemühen, sondern wenn sie aktiv Kapital aufbringen, Anzeigenaufträge sammeln und den Verkauf profitorientiert organisieren." Dann nämlich müssen sie planen, bilanzieren, Bedarsforschung betreiben und Geschäftsbeziehungen auch außerhalb der Schule knüpfen. – Schülerzeitungen sind keine neue Erfindung. Sie verlangen Ideenreichtum, unbefangene Neugier gegenüber schulischen Angelegenheiten und zuweilen eine Portion Mut. Wenn die Schülerzeitung zum Schülerunternehmen wird, dann müssen "Eigeninitiative und Unternehmensgeist" hinzukommen. Selbständigkeit ist gefordert, "Rechenhaftigkeit" und jener "Ernstcharakter", der die Schülerfirma von der altvertrauten Arbeitsgemeinschaft unterscheidet.
Die nachfolgenden Texte wollen Erfahrungen mitteilen und Beobachtungen festhalten, die sich in keinem Fall als unumstößliche Meinungen verstehen. In vier Gesprächen werden Menschen zu Wort kommen, die – in unterschiedlicher Verantwortung – mit dem Modellversuch verbunden sind. Für abschließende Urteile ist es zu früh, auch die - letztlich entscheidende - Frage, ob das Projekt den Weg aus den Versuchsschulen in die Regelschule finden kann, läßt sich heute noch nicht beantworten. Noch ist ein Jahr Zeit: Der Modellversuch läuft bis 1997.
Mit dem Einzug in fünf sächsische Mittelschulen betritt der Modellversuch Neuland. Daß er gerade in den neuen Bundesländern wichtig ist, bedarf keiner Frage. Ob er sich in der Praxis bewährt, kann nur die Praxis beantworten. Die Zeit eilt im Sauseschritt ... Wer 1996 eingeschult wird, ist schon nach der Wende geboren, und heutige Mittelschüler können über die "Polytechnische Oberschule" keine Auskunft mehr geben. Aber die meisten Schulbauten stammen aus der DDR, die meisten Lehrer wurden vor 1990 ausgebildet, die Eltern sind 'damals' zur Schule gegangen, selbst an den erneuerungsbedürftigen Schulhöfen haftet Erinnerung. Das sächsische Projekt kann Auskünfte geben, die nur hier gegeben werden können. Die Bereitschaft - das habe ich gespürt - ist überall vorhanden.
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