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Schülerfirma, Juniorfirma, Miniunternehmen, Schülerunternehmen

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"Unser Chef geht in die 9b" - Schülerfirmen in ...
[Online-Version der gleichnamigen Print-Publikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung] [Druck-Version]

 
 
 
Es bleibt noch viel zu tun !
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  Dr. Antje Finke

Als Projektleiterin koordiniere und begleite ich den Versuch seit September 1994 und kann nun Rückschau halten auf die Erfahrungen aus zwei Jahren. Bis zum Ende des Modellversuchs im Juni 1997 verbleiben noch ein paar Monate.

In Gesprächen wurde ich immer wieder gefragt, was das Besondere an einem Modellversuch im Unterschied zu einem Schulversuch ist. Ganz kurz läßt sich sagen, daß in einem Schulversuch eine Schule nach neuen Wegen für ein konkretes Anliegen sucht. Die Ergebnisse kommen dieser Schule zugute.

Bei einem Modellversuch arbeiten mehrere Schulen an grundsätzlichen Problem- und Fragestellungen im Bildungswesen. Dabei geht es um neue Ideen, um echte Innovationen! Erprobtes, Modellhaftes soll weitergereicht und darauf geprüft werden, wie es in den Schulalltag Eingang finden kann.

In Zeiten sich ständig zuspitzender Probleme auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt drängt die Problematik des Übergangs von der Schule in den Beruf immer mehr in den Vordergrund. Dabei ist auch die Schule gefordert! Wichtige Impulse gingen von der Fachtagung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung im Juni 1991 aus. Freudenberg Stiftung und Deutsche Kinder- und Jugendstiftung nahmen diese Impulse auf und riefen gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus den Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" in Sachsen ins Leben.

Für die Projektlehrer und mich eröffnete sich mit dem Modellversuch nicht nur ein neues Arbeitsfeld, sondern auch ein weites Lernfeld. Wir alle sind weder Wirtschaftsfachleute noch waren wir in Rechtsfragen belesen, aber die Idee und Möglichkeiten begeisterten uns. Wir sagten uns, vielleicht können wir ein Modell entwickeln, das wir weitergeben können. Uns war aber auch klar, daß ein Versuch das Risiko des Scheiterns in sich bergen kann.

Wie fing es an?Nach vielen Vorüberlegungen begann die Projektarbeit mit den Schülern. Detaillierte Handlungsanweisungen im Sinne eines Lehrbuches, das abgearbeitet werden kann, wollten wir von Anfang an vermeiden. Sie wären uns zum damaligen Zeitpunkt auch nicht möglich gewesen, weil neue, eigene Wege ja erst beim Geh’n entsteh’n, wie Heinz Rudolf Kunze es so treffend singt. Außerdem würden starre Vorgaben dem Anliegen "Erziehung zu Eigeninitiative" widersprechen.

Statt dessen gaben wir lediglich eine Orientierung mit einem Projektrahmen, der gewissermaßen eine Klammer für die fünf Schülerunternehmen und eine gute Basis für den Austausch zwischen den Unternehmen bildete.

Am Anfang stand die Entwicklung einer Geschäftsidee. Die Schüler sollten nur das verwirklichen, wofür sie sich mehrheitlich entschieden hatten. Weiterhin war für ihr zukünftiges Unternehmen eine Rechts- oder Organisationsform aus dem realen Geschäftsleben zu wählen. Aus dieser Entscheidung konnten sie dann praxisnah und selbständig die weiteren inhaltlichen oder organisatorischen Aufgaben ableiten, z.B. die Wahl eines Aufsichtsrates oder den Entwurf von Aktien. Die Festlegung der Abteilungen, die das jeweilige Unternehmen brauchte, war der nächste Schritt, bevor die Unternehmensorganisation und die Regeln des Miteinanders in einer Satzung festgehalten werden konnten. Ein richtiges Unternehmen benötigt natürlich auch einen Namen und ein Logo. Diese Aufgabe machte den Schülern viel Spaß und führte zu einer schnellen Identifikation mit ihrer Firma oder ihrem Verein. Ihren Abschluß fand die Phase der Vorbereitungen mit der Durchführung einer Gründungsveranstaltung. Weiterhin legten wir fest, daß halbjährliche Hauptversammlungen bzw. Vorstandssitzungen unter Vorlage eines Geschäftsberichtes stattfinden.

In der Zeit bis zur Gründungsveranstaltung mußte sich jede Schülergruppe erst finden und bei diesem völlig neuen Herangehen an ein Projekt begreifen: Wir können eine eigene Firma gründen. Keiner gibt uns vor, was konkret passieren soll. Wir haben zwar eine Orientierung, aber können über jeden Punkt selbst entscheiden.

Diese ersten Treffen der Schülergruppen, die sich auf unterschiedliche Weise aus den verschiedenen Klassenstufen zusammengefunden hatten, waren eine Goldgräberzeit für den aufmerksamen Beobachter.Es machte Spaß, die Begeisterung und die spontanen Diskussionen zu erleben. Aber es war auch überraschend, daß die Schülerinnen und Schüler soviel Freiheit kaum begreifen konnten. Äußerst ungewohnt schien zu sein, daß die Erwachsenenseite nicht als "personifizierte Kompetenz" auftrat. Wir konnten den Schülern lediglich zusichern, sie zu beraten und zu unterstützen, aber bestimmte inhaltliche Dinge mußten wir gemeinsam lernen.

Die Schüler, die sich anfangs an die Spitze der Gruppe gestellt hatten, merkten bald, wie schwierig es ist, eine Sitzung zu leiten, oder die Gruppe zu konkreten Verabredungen zu führen. Zum Glück waren da ja noch die Projektlehrer, die halfen, Gruppenregeln aufzustellen und erste Schritte zu vereinbaren.

Hierbei wurde nur zu deutlich, daß die traditionelle Schule ihre Schüler hinsichtlich der Entwicklung sozialer Kompetenzen kaum auf "das Leben danach" vorbereitet. Das bezieht sich auf die Ausbildung von Kommunikationsfähigkeit, der Fähigkeit, die eigene Meinung zu vertreten und andere zu akzeptieren, der Fähigkeit demokratisch zu handeln, selbständig Entscheidungen zu treffen usw. Im traditionellen Bildungsverständnis werden soziale Kompetenzen in der Schule unter dem eingeengten Leistungsbegriff meßbarer Leistungen stark vernachlässigt.

Lehrausbilder und Personalchefs klagen darüber, daß Bewerber gerade über solche Schlüsselqualifikationen kaum verfügen.

Deshalb haben wir im Modellversuch den Schwerpunkt bei den Lernzielen, die mit dem Konzept "Erziehung zu Eigeninitiative" verfolgt werden, auf das soziale Lernen gesetzt. Wie in einem richtigen Unternehmen sollten jüngere und ältere Schüler, Erfahrene, z.B. in bezug auf spezielle Kenntnisse aus dem Profilunterricht, und Unerfahrene in einer Abteilung zusammenarbeiten. Unter diesem Gesichtspunkt hat sich auch der Projektrahmen bewährt. Er fordert Elemente des sozialen Lernens wie Teamarbeit und gemeinsame Entscheidungsfindung geradezu ein, beschränkt sie aber nicht auf bestimmte Inhalte. Wenn viel Raum bleibt für die konkrete Projektausgestaltung, bleiben viele Anlässe zum sozialen Lernen.

Die Voraussetzung für echte Eigeninitiative ist die Förderung der Selbststeuerung einer Gruppe nach dem Motto "Anregen und beraten anstatt bestimmen".

Das ist ein hoher Anspruch an die Erwachsenenseite. Denn statt die Kinder und Jugendlichen zu eigenen Entscheidungen und Lösungen zu führen, verfügen und kontrollieren wir oftmals. Nicht, daß wir das wirklich wollen, mitunter mangelt es nur an Methoden, die Kinder und Jugendlichen zur Selbstanleitung, Selbstverantwortung und Selbstbewertung zu führen. Im Modellversuch konnten wir feststellen, daß es ein erster Schritt in die richtige Richtung war, "sich mal neben sich selbst zu stellen" und sich bewußt zu machen, hier hast du wieder zu schnell gesagt, was richtig oder falsch ist. Direkter Instruktion und konkreter Handlungsanweisung bedienen wir uns aber einfach auch aus Zeitmangel, obwohl wir wissen, daß dadurch wichtige Prozesse der Erkenntnisgewinnung verkürzt, oder gar ausgeblendet werden. Der Eigeninitiative fördernde, weniger autoritäre Weg ist eben leider auch der zeitintensivere.

Wir haben diese Fragen thematisiert und "Erziehung zu Eigeninitiative" damit auch als Herausforderung angenommen, das tradierte Verständnis unserer Rolle zu überprüfen. Wir haben Fortbildungen organisiert, die nicht in der üblichen Vorlesungsmanier und Konstellation von Professor und Studenten gestaltet waren, z.B. die Zukunftswerkstatt, ein relativ neues Fortbildungskonzept mit Kritik-, Phantasie-, und Verwirklichungsphase. Diese Veranstaltungen haben uns nicht nur inhaltlich weitergeholfen, sie haben auch Spaß gemacht.

Zu ersten Ergebnissen auf dem Weg zur Firmengründung führte ein Prozeß intensiver Eigenaktivität der Schüler. Über Lehrer, Eltern, Bekannte und offizielle Stellen wurden Anregungen, Informationen und Material zusammengetragen. Die Schüler brachten auch zusätzliche Anregungen zum Projektrahmen ins Spiel.

Durch den regelmäßigen Austausch zwischen den Lehrern der fünf Schulen und meine Besuche vor Ort wurden Erfahrungen weitergegeben und Materialien ausgetauscht. So konnte ein Unternehmen von und mit den anderen lernen. Höhepunkt der ersten Projektphase war ein erstes Geschäftsführertreffen. Hier tauschten sich die Vertreter der fünf Unternehmen, Schülerinnen und Schüler, über Ergebnisse und Probleme aus und sprachen über mögliche Geschäftsbeziehungen. Sie fühlten sich ganz als Repräsentanten ihres Unternehmens, und ihnen war klar, daß sie mit dieser Aufgabe noch wachsen mußten und würden.

Nach einem dreiviertel Jahr waren die fünf Schülerunternehmen im Rahmen einer würdigen Veranstaltung gegründet. Nun konnte es richtig losgehen!

Fast alle hatten schon vorher angefangen, ihre Leistungen anzubieten. Die Schule sollte schließlich schnell die unternehmerische Bereicherung ihres Alltages erfahren. Für die beteiligten Mädchen und Jungen war es natürlich wichtig, nach einer eher theoretischen Vorbereitungsphase mit Diskussionen, ersten Entscheidungen und Absprachen den Unternehmensgeist gewissermaßen zu materialisieren.

Darüber, wie das im einzelnen geschah, wurde bereits im vorangegangenen Teil berichtet.

Im verbleibenden Modellversuchsjahr geht es vor allem darum, aus den bisherigen Ergebnissen Modellhaftes, Empfehlenswertes herauszufiltern.

Die ersten Firmenmitarbeiter verlassen die Schule, Jüngere rücken nach. Wie verkraftet ein Schülerunternehmen diesen Generationswechsel? Gibt es Langzeiteffekte für Unterricht und Schulklima, nachdem sich die Unternehmen nun etabliert haben?

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Kooperation mit außerschulischen Partnern, die schon in vielfältiger Weise besteht. Mit Blick auf das Ende des Modellversuches müssen verbindliche, nachhaltige Möglichkeiten der Zusammenarbeit, insbesondere des Sponsoring gefunden werden. Es gibt noch viel zu tun!

Wenn das vorliegende Büchlein einigen von Ihnen Mut und Lust gemacht hat, solch ein Projekt aus eigener Kraft zu beginnen, würden wir uns sehr freuen und Ihnen unsere Erfahrungen gern zur Verfügung stellen. Kommen Sie auf uns zu!

Zum Ende des Versuches im Juni 1997 ist eine Handreichung zur Gründung von Schülerfirmen geplant. Sie soll Schulen, die nicht in den Genuß der Fördermöglich-keiten des Modellversuches gekommen sind, eine Starthilfe im Sinne von Know-how für ein Schülerunternehmen geben. Interessierte Schüler und Lehrer sollen darin Anregungen und Empfehlungen finden.

Die am Modellversuch beteiligten Kolleginnen und Kollegen hat diese Form der Projektarbeit überzeugt. Ihren Lohn sehen viele vor allem im guten Verhältnis zu ihren Schülern und im verbesserten Schulklima. Das stimmt für die Zeit nach dem Modellversuch und mögliche Folgeprojekte an anderen Schulen optimistisch.

 
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