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"Unser Chef geht in die 9b" - Schülerfirmen in ...
[Online-Version der gleichnamigen Print-Publikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung] [Druck-Version]
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"Schülertheater Schillers Schüler" n. V. - Friedrich-Schiller-Mittelschule Neustadt in Sachsen
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Schiller ist nachweislich nie in Neustadt gewesen, aber die Neustädter Mittelschule trägt nicht nur seinen Namen, sie sorgt auch dafür, daß sich mit diesem Namen bei ihren Schülern und Besuchern eine Vorstellung verbindet. "Friedrich-Schiller-Schule" steht mit großen Lettern an der Außenwand; im Inneren gibt es eine Galerie von Kupferstichen, die Schillers Wohnstätten zeigen; das Schülertheater hat für sich den einprägsamen Stabreim "Schillers Schüler" gefunden; sogar die "Schillermäuse" im Terrarium des unteren Flurs erweisen dem Dichter ihre Reverenz (ein nachweisbarer Zusammenhang besteht nicht!). Alles Schiller, oder ...? Es erstaunt fast, daß neben dem Genius noch Raum bleibt für ein bescheidenes Talent. Ein Relief an der Außenwand erinnert an Friedrich Wilhelm Kaulisch (1827 - 1881). Wer das ist? Eine steingewordene Widmung verrät es: Das Andenken gilt "Dem Dichter des Liedes Wenn du noch eine Mutter hast".
Das Neustädter Schulhaus ist ein imponierender Bau, der innen und außen renoviert ist. "Mens sana in corpore sano", haben wir gelernt. Man darf sicher sein, daß sich der 'gesunde Geist' in einer 'schola sana' auch recht wohl fühlt. - In Neustadt ist die Lehr- und Lernwelt noch in Ordnung. Wie zu meiner Schulzeit hängen die Mäntel an langen Hakenreihen außerhalb der Klassenräume. Niemand scheint hier etwas zu stiebitzen. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade an dieser Schule ein T h e a t e r unternehmen seine Zelte aufgeschlagen hat. Es ist ein non-profit-Unternehmen, eine aktive und erfolgreiche Truppe, die die Kinderschuhe des nur gut-gemeinten Laienspiels längst abgestreift hat.
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"Schillers Schüler" n.V. hat sich am 8. September 1995 konstituiert. Das Unternehmen ist ein nichteingetragener Verein und macht bereits mit dieser Namensgebung deutlich, daß es sich von den anderen Schülerfirmen unterscheidet. Es arbeitet wie ein gemeinnütziger Verein, aber es tritt nicht als rechtsfähige Körperschaft an die Öffentlichkeit. Schulleiter Klaus Anders erklärte einem Journalisten:
Bundesdeutsche Gesetzlichkeiten sehen keinen Verein vor, der ausnahmslos aus unmündigen Jugendlichen besteht. Als aus der AG Schülertheater der Verein "Schillers Schüler n.V." entstand, wurde deshalb diese Rechtsform gewählt.
Die Entscheidung ist zweifellos korrekt. Daß der Gesetzgeber auch bei Aktiengesellschaften und im Falle einer GmbH nicht an 'unmündige Jugendliche' gedacht hat, spielt hier keine Rolle. Die Neustädter Theaterleute haben sich diesen Status gegeben - sie allein entscheiden über die Form ihres Unternehmens.
"Schillers Schüler" ist die letzte der fünf Unternehmensgründungen, ein Spätling, der nachträglich in das 'mächtige Häuflein' aufgenommen wurde. Aus dem Zeitungszitat geht hervor, daß vor dem Theaterunternehmen eine Theatergruppe, also eine Arbeitsgemeinschaft, bestanden hat, die in der neuen Firma aufgegangen ist. Das war weit mehr als ein Namenswechsel: Es war ein zweiter Beginn.
Die ursprüngliche Theatergruppe entstand im Januar 1993. Im Dezember 1992 vereinbarte die Schiller-Schule eine Schulpartnerschaft mit einer Mittelschule im württembergischen Weilheim. Die Weilheimer besuchten die Neustädter und erzählten ihnen vom dortigen Schülertheater, das schon seit zehn Jahren existierte. Das wirkte als Anregung auf die sächsischen Kollegen, und als ein Leiter für die - noch ungeborene - Theatergruppe gesucht wurde, sagte Torsten Schlegel: Ich mache das. Inzwischen ist er leitender Projektlehrer für das Theaterunternehmen "Schillers Schüler".
Die Arbeitsgemeinschaft war sehr produktiv. Sie spielte
- im November 1993 Schillers Ballade "Die Bürgschaft"
- im Dezember 1993 "Das Wunderelexier" nach W. Klusen
- im Dezember 1993 "Der Elefant auf Vatis Auto" nach D. H. Wilson
- im November 1994 Schillers Ballade "Der Handschuh" und
- im Februar 1995 "Abenteuer im Zauberland" nach A. Wolkow
Zum ursprünglichen Kreis der Projekt-Schulen gehörte neben den Mittelschulen in Dresden, Bautzen, Großschönau und Hoyerswerda auch das Gymnasium Radebeul II. Als Radebeul ausschied, trat Neustadt an seine Stelle. Damit eröffneten sich für alle Beteiligten neue Möglichkeiten. Der Schulleiter:
Die Erziehung zur Eigeninitiative soll einerseits innerhalb der Schule in den Fachunterricht hinein und andererseits von der Schule nach außen wirken. Die Schüler sollen auf diese Weise an das Vereinsleben als einen wichtigen Bereich der Freizeitsphäre herangeführt werden.
Nachdrücklich betonte er die Besonderheit (nicht die Ausnahmestellung!) des Neustädter Unternehmens im Hinblick auf den gesamten Modellversuch:
Der Schiller-Mittelschule kommt durch den künstlerischen Aspekt eine besondere Bedeutung zu,weil dadurch eine größere Vielfalt im Modell-versuch erzielt werden soll.
In der Theatergruppe stand das Angebot zur Diskussion. Die Schüler konnten ihre Meinung sagen! Dabei wurden das Für und Wider durchaus pragmatisch gegenübergestellt: einerseits der zusätzliche "Schriftkram" (der Schüler René Hofmann), andererseits die Möglichkeit, das Arbeitsfeld zu erweitern, vor allem aber die Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. Das Geld! "Das ist das, worüber wir uns ständig den Kopf zerbrechen" (der Lehrer Torsten Schlegel). In diesem Punkt bestehen zwischen Staatstheatern und Schülertheatern nur graduelle Unterschiede...
Der neuegegründete Verein besteht aus mehreren Bereichen. Das Herzstück seiner Tätigkeit ist weiterhin die eigentliche Theaterarbeit, für die Herr Schlegel verantwortlich zeichnet. Er hat die Gesamtleitung, er kümmert sich um die Technik und um die Vereinsarbeit und ist außerdem der Hausautor des Unternehmens ("das macht halt Spaß"). Für all das erhält er wöchentlich 5 Abminderungsstunden. -
Der zweite Bereich umfaßt die künstlerische Gestaltung, also Plakate, Kostüme, Kulissen und Requisiten. Er untersteht der Verantwortung von Frau Wolf, der dafür 2 Wochenstunden 'gutgeschrieben' werden. - Frau Nitsche leitet den gesamten Werbebereich, und Frau Böhme untersteht die Videographie, die für die Aufzeichnung und Videodokumentation der künstlerischen Produktionen zuständig ist. Die beiden Frauen erhalten jeweils 2 Entlastungsstunden. Hier wird deutlich: Das ist keine Schauspieltruppe, die sich auf Zuruf über die jeweils nächste Aufgabe verständigt. Das ist ein künstlerisches Unternehmen, und wer in ihm mitarbeitet, bekommt Einblick auch in die ineinander verzahnten Arbeitsbeziehungen, die so ein Unternehmen aufrechterhalten. Zweifellos ist die soziale Verantwortung in dieser Struktur besonders ausge-prägt. Unter den 44 Mitgliedern des Vereins sind ebenso Schüler der Klassen 9 und 10 wie Fünftkläßler, die eben ihre erste, kleine Rolle bekommen haben. Bemerkenswert ist die Vielfalt der Anforderungen: künstlerische, technische und organisatorische Begabungen sind gleichermaßen gefragt.
An der Spitze des Vereins steht ein vierköpfiger Vorstand (Herr Schlegel und drei Schüler); er rekrutiert sich ausschließlich aus dem Kernbereich und trifft sich zu regelmäßigen Sitzungen. Die anderen Bereiche werden je nach Notwendigkeit eingeladen.
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Ein Theaterunternehmen braucht Platz. Im engen Arbeitszimmer des Projektlehrers (das er mit zwei Kollegen teilt), sind die Spuren des Projekts unübersehbar. Eine Maske, ein Requisitenteil, ein scheinbar unnützes Fundstück, das vorsorglich mitgenommen und aufbewahrt wurde ("wir können alles brauchen"), zeigen an, daß hier "ein Verrückter" zu Hause ist, für den Schularbeit und Projektarbeit unlösbar miteinander verbunden sind. Es gehört zu den erklärten Zielen des Modellversuchs, daß die unternehmerische Arbeit hineinwächst in den Alltag der Schule. Hier geschieht es. Die Darsteller, die Schülerredakteure, die Gestalter, die Video-Enthusiasten - sie alle tragen die Projektarbeit in die Schularbeit hinüber. Bei etwa 430 Schülern ist nur jeder zehnte direkt mit "Schillers Schülern" verbunden, doch da alle anderen zumindestens als Zuschauer einmal an der Arbeit des Vereins teilgenommen haben, fühlen sie sich dem Projekt verbunden. Es gibt keine Akzeptanzprobleme! Das - scheinbar untypische - Schülerunternehmen 'Theater' entfaltet seine Wirkung in die Schule hinein und aus der Schule heraus.
Ein Theaterunternehmen braucht Platz. Platz für Proben, Platz für Werkstätten, Platz für Requisiten, Platz fürs Büro. Zum Glück sind die jungen Schauspieler keine Stars, sonst würden auch sie Platz beanspruchen: für Garderoben und für Schminken. - Da "Schillers Schüler" in einem Altbau zu Hause sind, haben sie einen (unbezahlbaren!) Vorteil gegenüber anderen Unternehmen: Sie können den großen Spitzboden des Schulgebäudes nutzen. von zwei Räumen unter der Dachschräge ist einer bereits fertiggestellt; der andere wird hergerichtet. Bei Bedarf stehen weitere Teile des Bodens zur Verfügung. Auch der Schulleiter akzeptiert 'seinen' Verein und unterstützt ihn nach Kräften.
Natürlich ist die Inbesitznahme der Räume mit Arbeit und viel Aufwand verbunden. Nichts wird Schillers Schülern fertig geliefert. Es werden ihnen stets nur Möglichkeiten geboten -ob sie in die Wirklichkeit überführt werden können, liegt weitgehend an ihnen selbst.
Die meisten der fünf Schülerunternehmen haben sich ihren Arbeitsplatz selbst ausgestalten müssen: "Power-Tours" hat das Büro gestrichen. "Mc School" hat, unterstützt von Lehrern und Eltern, den Kiosk errichtet. "Young Company" hat Geld und Arbeit in den Kiosk der Hauptschule gesteckt. "General Foods Corporation" ist verärgert, weil ihr wegen der aufgeschobenen Innenrenovierung der Schule die Hände gebunden sind. Überall sind die eigene Tatkraft, die Findigkeit der Verantwortlichen und die Nachbarschaftshilfe gefragt. Das ist eine Situation, in der sich fast jeder Existenzgründer befindet: Das Schülerunternehmen wird zum Trainingsort der Selbsthilfe! Man lernt, was man alles selbst machen kann, und man lernt, wie man Helfer findet, wo die eigenen Möglichkeiten überfordert sind.
Vieles von den hier Gesagten stellt sich als spezifische Erfahrung der Gründergeneration dar. Wenn alles eingerichtet ist, wenn Gewohnheit oder gar Routine einzieht, werden bestimmte Talente nicht mehr benötigt. Deshalb ist die "Lust des Beginnens" (Brecht) so belebend. Wer zuerst antritt, schafft den Raum, den Spätere vorfinden und nutzen. Das ist weißgott keine neue Erfahrung, aber mancher Schüler macht sie hier zum ersten Mal.
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Ein Theaterunternehmen braucht Auftrittsmöglichkeiten. Es liegt im Wesen dieser Arbeit, daß sie über lange Zeit nur Vorbereitung auf den großen Auftritt ist. "Das Proben macht den meisten Spaß", hat mir eine der jungen Darstellerinnen gesagt. Das spricht für die Qualität der Probenarbeit! Aber ob gut gekocht wurde, erweist sich nun einmal beim Essen!
"Schillers Schüler" haben in den wenigen Monaten seit ihrer Gründung zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten gehabt. Der Halbjahrsbericht verzeichnet:
Das erste, was wir im vorigen Jahr veranstalteten, war die Präsentation beim Neustadttreffen. Hier stellten wir Szenen aus der Schulzeit "Anno Dazumal" dar.
Im November fand wie in jedem Jahr der Höhepunkt des Schullebens, die Schillerfeier, statt. Unter größerem nervlichen Streß organisierten wir die kulturelle Umrahmung dieser Feier, zusammen mit Vertretern der Musikschule. Wir hatten mit unserem Programm die Absicht, Szenen aus dem Leben Schillers nachzustellen und mit Originalzitaten aus jener Zeit zu verbinden, was uns unserer Meinung nach zumindest auch gelungen zu sein scheint.
Im Dezember führten wir noch einmal unser Stück "Abenteuer im Zauberland" auf. Eine öffentliche Vorstellung fand am 9.12. statt, weitere drei Aufführungen waren am 13., 18. Und 20.12. Unser Publikum bei diesen Veranstaltungen waren Kinder der Grundschulen und Kindergärten der Region, sowie Schüler der Neustädter Förderschule und Mitglieder der "Young Company" aus Großschönau.
Am 20.1. präsentierten wir uns als Theaterverein beim "Tag der offenen Tür" unserer Schule.
Das ist ein dichtgedrängtes Programm. Es belegt die Nachfrage, der sich das Schülerensemble erfreut; es verrät auch die Arbeitsdisziplin aller Beteiligten. Ohne sie sind diese Auftritte (neben dem normalen Schulbetrieb) nicht zu leisten.
Jetzt hat eine Phase zurückgezogener Arbeit begonnen. Nur einmal (im März) sind "Schillers Schüler" mit ihrem Schiller-Programm beim regionalen Schülertheater-Ausscheid in Pirna aufgetreten. Dort haben sie sich für das Landes-Schülertheater-Treffen qualifiziert, das im Mai in Dresden stattfinden wird. Dort wiederum, im Theater derjungen Generation, wollen sie Szenen einer Neueinstudierung vorstellen.
Dieser Wechsel zwischen Zeiten intensiver Proben- und Vorbereitungsarbeit und Zeiten zahlreicher öffentlicher Auftritte verweist auf den besonderen Rhythmus, dem die Arbeit des Theaterunternehmens unterworfen ist. Theaterarbeit wird über lange Abschnitte im Verborgenen geleistet. In dieser Phase ist sie nicht-öffentlich. Der Autor, der Darsteller, die beteiligten Gewerke - alle schaffen ein Produkt, das erst präsentiert wird, wenn des 'fertig' ist: Vorhang auf! Wir zeigen Ihnen heute ... Wer sich für ein Schüler-Theaterunternehmen entscheidet, muß diesen Rhythmus beherrschen: Er muß eine Kontinuität der Arbeit schaffen, die nicht nach außen tritt. Das ist für junge Menschen schwer und gleichzeitig überaus lehrreich. Das Gegenteil ist jene Sprunghaftigkeit, die die Weiterarbeit nach jedem Auftritt in Frage stellt, weil alle auseinanderlaufen und sich erst kurz vor dem nächsten Auftritt zu überstürzten Vorbereitungen wieder zusammenfinden. Als Schülerunternehmen wäre eine solche 'Truppe' ganz und gar unbrauchbar. Sie entzieht sich systematischer Leitung und Beobachtung. Sie erlaubt in einem Modellversuch keine evaluierbaren Aussagen.
Vergleicht man diesen Rhythmus unternehmerischer Tätigkeit - der seinen Niederschlag in der Mitwirkung jedes einzelnen findet - mit dem unternehmerischen Rhythmus anderer Schüler-Unternehmen, dann zeigen sich auffällige Unterschiede.
Die Kiosk-Firma, angetreten, jeden Tag die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen, ist jeden Tag präsent. Aus dem Schulleben ergibt sich allenfalls ein Wochen-Rhythmus, der durch wöchentliche Neubestellung und Abrechnung markiert wird. Höhepunkte der Arbeit entstehen nur durch Ausnahmesituationen, zum Beispiel durch Verkaufsaktionen, Schulfeste oder - wie in Dresden geplant - 'Markttage'. Wer in diesen Firmen mitarbeitet, gewinnt die Erfahrung des Arbeits-Alltags mit der steten Wiederkehr gleicher Verpflichtungen, wobei der Einsatz des einzelnen sehr disponibel ist: Eben damit ist es möglich, eine große Zahl wechselnder Verkäufer und Verkäuferinnen zu beschäftigen. Ganz anders bei der Arbeit für die Bühne: alle Akteure haben ihre Rolle, aus der sie nicht heraustreten können, ohne den Rhythmus des gesamten Projekts zu stören. Sie sind nicht austauschbar. Das gleiche gilt - und zwar im Theater-Unternehmen wie in den Verkaufsunternehmen - für die Verantwortungsträger. Sie haben ihren Arbeits- und Entscheidungsbereich, für den sie spezielle Erfahrungen gesammelt haben.
Wieder anders ist der Unternehmer-Rhythmus im Hoyerwerdaer Schüler-Reisebüro "Power-Tours". Hier wird der Ablauf der Arbeit wesentlich durch den Eingang der Aufträge bestimmt. Folgt das Theater einem selbsterarbeiteten Plan (immer mit Blick auf die nächsten Aufführungen), ist der Kiosk an das Gleichmaß des schulischen Ablaufs gebunden (alle Tage wieder), so weist die Arbeit des Reisebüros typische Merkmale einer selbständigen Tätigkeit auf, wie sie auch im 'richtigen' Geschäftsleben anzutreffen ist. Es gibt Stoßzeiten und es gibt Zeiten relativer Ruhe. Arbeitsdauer und Arbeitsintensität müssen wechseln, wenn man allen Aufträgen gerecht werden will. Wer hier mitmacht, muß lernen, mit Streßsituationen umzugehen, er darf aber auch nicht ungeduldig werden, wenn Aufträge ausbleiben.
Verkaufstätigkeit vollzieht sich tagtäglich im Wechselspiel mit den Kunden. Sie ist öffentlich und kommunikativ. Gerade das macht für viele ihren Reiz aus. - Theaterarbeit lebt aus dem Wechsel zwischen öffentlicher und nichtöffentlicher Arbeit: Die Aufführung entschädigt alle Beteiligten für anstrengende Zeiten hinter der Bühne. - Die Tätigkeit des Reisebüros läuft weitgehend im Verborgenen ab. Was die jungen Reisemanager tun, weiß nur ein kleiner Kreis von Kunden, der gerade beraten wird. Öffentliche Anerkennung wird den Leuten von "Power-Tours" nur zuteil, wenn zufriedene Ausflügler ihnen berichten, daß alles gut geklappt hat. Nie sind die Reisevorbereiter dabei, wenn das Ergebnis ihrer Arbeit zum Tragen kommt.
Diese Unterschiede im Rhythmus unternehmerischer Abläufe sind wichtig, werden aber von den einzelnen Schülerunternehmen kaum im voraus bedacht! Die einzelnen Kollektive haben vor der Gründung lange und zum Teil sehr intensiv beraten, für welche Firma sie sich entscheiden wollten. Nach der generellen Entscheidung zwischen Produktion und Dienstleistung ist auch der Inhalt der Dienstleistungstätigkeit diskutiert worden. Jedes Unternehmen kann für sich sagen: Was wir jetzt machen, entspringt unserer eigenen Entscheidung. Über die Konsequenzen einer solchen Entscheidung aber waren sich die wenigsten klar. Erst im Verlauf ihrer Tätigkeit erkennen die Kiosk-Leute und die Zeitungsredakteure, daß sie permanent gefordert sind und daß sie der Überforderung nur entgehen können, wenn sie den Kreis der Mitarbeiter vergrößern, so daß für den einzelnen größere Arbeitsintervalle entstehen. - Erst als Mitglieder einer Theatergruppe lernen die Schüler den Rhythmus der Theaterarbeit kennen, ihre Ruhephasen, aber auch ihre besonderen Belastungen vor jeder Aufführung. - Erst wenn die ersten Aufträge eingegangen sind, merken die Mitarbeiter des Reisebüros, daß sie nun - auf sich gestellt - in einen Rhythmus gezwängt sind, der sich aus der Besonderheit ihres Metiers ergibt. Vielleicht hängen die Schwierigkeiten von "Power-Tours", neue Mitarbeiter zu gewinnen, mit dieser späten Erfahrung zusammen: Wer sich diesem Unternehmen verschreibt, erfährt zwar vielseitige Anregungen, ist aber 'hart gefordert'.
Es lohnt sich, die Wechselbeziehung und Verträglichkeit von Schulrhythmus einerseits und Unternehmensrhythmus andererseits in einer eigenen Studie zu untersuchen. Dieser Rhythmus ist nicht willkürlich veränderbar; er muß als feste Größe in die Vorüberlegungen einbezogen werden, und er muß im Hinblick auf das Freizeitverhalten von Jugendlichen bedacht werden. Die Unternehmensarbeit ist für alle eine Form aktiver Entspannung. Sie muß Freude bereiten und Erfolg bescheren. Wenn sie befriedigen soll, muß jeder seinen 'Auftritt' haben, ganz gleich, wo und wie er stattfindet.
In einem Punkt unterscheidet sich die Arbeit im Schulunternehmen - dem angestrebten Ernstcharakter zum Trotz - grundsätzlich von der späteren Berufsarbeit: Ihr eigentlicher Lohn ist ein Zugewinn an Erfahrungen, an Beziehungen zu Gleichgesinnten, an Freude. Seinen Arbeitsalltag absolviert der Schüler im Unterricht. Das Unternehmen muß sich - auch in seinen Anforderungen an den einzelnen! - von dieser Schul- und Unterrichts-Welt deutlich unterscheiden! Wenn ein Werktätiger Tag um Tag zur Schicht geht, dann tut er das zuerst in dem Bewußtsein, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn ein Schul-Tätiger in seine Firma geht, dann will er Anregung und Freude finden. Sonst bleibt er weg.
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Ein Theaterunternehmen braucht Geld. Es ist auf ständige Zuwendungen angewiesen. Die Entscheidung für den Verein war für die Neustädter Theaterleute auch eine Entscheidung für relativ gesicherte finanzielle Unterstützung. Ein Theaterunternehmen wie "Schillers Schüler" kann keinen Gewinn erarbeiten. Es gibt keinerlei materielle Anerkennung für die 44 Mitwirkenden. Auf der Halbjahreshauptversammlung des Vereins wurde sogar darauf verzichtet, Lob und Tadel auszusprechen: Man wollte niemand hervorheben und keinen verärgern.
Natürlich entbindet der Verzicht auf eine profitorientierte Tätigkeit das Neustädter Schülerunternehmen nicht von der Verpflichtung, über Zuwendungen, Einnahmen und Ausgaben, genau Buch zu führen. Claudia Kühne, verantwortlich für Finanzen, ist genauso mit Fragen der Buchführung, der Kontoführung und Bilanz befaßt wie ihre 'Kollegen' in den vier anderen Firmen. Auch "Schillers Schüler" müssen abrechnen - sie genießen keine Vorrechte. Wo sich ihre Finanzplanung von der anderer Unternehmen unterscheidet, ist das nur ihm besonderen Profil geschuldet.
Als Verein hat "Schillers Schüler" keine Einlagen. Es gibt keine Anteilscheine. Beitrittsgebühren und Vereinsbeiträge werden nicht erhoben: Die Mitglieder bringen sich mit ihrer Arbeit ein. Der größte Teil der Mittel - insgesamt 11.500 Mark - wurde 1995 auch hier von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zur Verfügung gestellt. Dieses Geld wurde ausnahmslos für Investitionen ausgegeben. Die größten Investitionen dabei waren
- die Bühnenpodeste für DM 3.709,90
- der PC mit Drucker für DM 1.210,44
- der AV 60 für DM 1.006,25
- sowie Mikrofone und Zubehör, Werkzeug und die Nähmaschine.
Zu dieser einmaligen Summe für die Grundausstattung kamen – bescheiden – monatliche Zuwendungen:
Für den Geschäftsbedarf wurden uns pro Monat DM 80.- zur Verfügung gestellt. Im Zeitraum März bis Dezember 1995 hatten wir entsprechende Ausgaben in einer Höhe von DM 720,21.
Weitere Zuwendungen kamen aus städtischen Fördermitteln für die Arbeit der Schularbeitsgemeinschaften und aus dem Portemonnaie eines (ungenannten!) privaten Spenders! Zu diesen Fördermitteln kamen die
Einnahmen des Vereins durch seine Arbeit
Die 4 Theatervorstellungen im Dezember 1995 spielten insgesamt DM 869.- ein, wovon DM 809.- Bareinnahmen sind. Die verbleibenden DM 60.- stehen von Seiten der "Young Company" Großschönau noch aus.
Ordnung muß sein! Lesenswert sind die Schlußfolgerungen für das zweite Geschäftshalbjahr:
Unser Kontostand vom 3.1.1996 (...) zeigt eine Summe von DM 4.400,88. Bei sparsamen Einsatz der Mittel und Investitionen für das neue Stück bietet diese Summe eine sichere Basis für die finanziell zumindest teilweise unabhängige Arbeit des Vereins, auch über das Ende des Förderzeitraums durch die DKJS hinaus. Unser Ziel ist es dabei, die Gelder, die uns durch Investitionen in das neue Projekt abfließen, in einem Rahmen zu halten, der es uns möglich macht, sie durch Eintrittsgelder bei den entsprechenden Vorstellungen wieder einzuspielen. Im Klartext: Wir haben uns vorgenommen, zur Halbjahreshauptversammlung 1997 eine ausgeglichene Bilanz vorzuweisen. Das heißt nicht nur eisernes Sparen und vorsichtiger Umgang mit den Finanzen, sondern auch Theateraufführungen in hoher Qualität, die nicht nur viele Besucher anziehen, sondern auch unseren Namen für Sponsoren interessant machen.
Das ist - natürlich - keine Planung, sondern eine Absichtserklärung. Als solche aber ist sie profund: Sie reicht über den Förderzeitraum hinaus - sie orientiert auf Sparsamkeit und: sie setzt die erhofften Einnahmen ins Verhältnis zur Qualität der künstlerischen Arbeit! So kann 'ökonomisches Denken' in einem künstlerischen Unternehmen aussehen! Die Unterschriften unter dem Finanzbericht - René Hofmann, Vicky Rückert und Torsten Schlegel - unterstreichen, daß die Überlegungen ernst gemeint sind.
Im Kreise der Projektlehrer hat Herr Schlegel darauf hingewiesen, daß die Bilanz trotzt aller aufgeführten Zahlen "nicht stimmt". Sie vermittelt kein reales Bild von Aufwand und Ergebnis der Arbeit, weil sie alle Sachzuwendungen außer Betracht läßt: Wenn "Schillers Schüler einen Ballen Doko-Stoff geschenkt bekommen, dann sparen sie bares Geld, wissen aber nicht, wie sie diese Ersparnis ausweisen sollen. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig?
Eine zusätzliche Auskunft halte ich für möglich (und nützlich). Die Berufstheater setzen Aufwendungen und Einnahmen zueinander ins Verhältnis und errechnen so die Zuschüsse je Besucher. Eine Relation wird ermittelt, an deren Veränderung die 'Wirtschaftlichkeit' des Unternehmens abzulesen ist. Der Aufwand ist gering; die ermittelte Zahl ist für den Außenstehenden eine plausible Größe.
Die hier wiedergegebene Abrechnung belegt, daß "Schillers Schüler" nicht nur Theater spielen, sondern auch ihren Theaterbetrieb mit Engagement führen. Wenn man am Ende des Modellversuchs feststellen wird, welche Kenntnisse und Erfahrungen die einzelnen Schüler aus ihren Unternehmen mitgenommen haben, dann werden dieNeustädter Ergebnisse - im Vergleich zu anderen - durchaus beachtenswert sein.
5
Die Neustädter Satzung ist die bei weitem umfangreichste. Sie definiert zunächst das "Anliegen des Vereins":
Anliegen des Vereins Schillers Schüler n.V. ist es, Kindern und Jugendlichen eine qualifizierte und sinntragende Freizeitgestaltung in den Bereichen des Darstellenden Spieles und deren Organisation und Verwaltung anzubieten und die erreichten Leistungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Spiel - Organisation - Verwaltung: alle drei Aspekte sind berücksichtigt. Sehr eingehend sind Wahl und Aufgaben des Vorstands beschrieben. Hervorzuheben ist, daß in dieser (und nur in dieser!) Satzung auch das Verhältnis des Vorstands zur Schulleitung festgelegt ist. § 5 (3) lautet:
Zu allen Fragen des Vereins, die in den Verantwortungs- oder Arbeitsbereich der Schulleitung fallen, muß der Vorstand den Schulleiter oder dessen Stellvertreter informieren bzw. gegebenenfalls dessen Genehmigung einholen.
Ich halte diese Festlegung nicht für restriktiv. Im Grunde enthält sie eine selbstverständliche Forderung: der Schulleiter muß wissen, was in seinem Hause geschieht, er muß gefragt werden, wenn seine Entscheidungskompetenz zur Rede steht. Wie alle Festlegungen dieser Art bindet auch hier der betreffende Paragraph beide Teile. Mit-Wissen und Mit-Entscheiden schaffen Mit-Verantwortung! Das wird durch Abschnitt (5) desselben Paragraphen expressis verbis bestätigt.
Der Vorstandsvorsitzende ist Ansprechpartner der Schulleitung und wichtigste Kontaktperson zur Öffentlichkeit.
Hier wird ein partnerschaftliches Verhältnis festgeschrieben. Die Schiller-Schule nimmt ihre "Schüler" ernst. Sie versteht die Arbeit des Vereins als eine Leistung, die in die Gesamtverantwortung der Schule gehört. Das will der Modellversuch errreichen!
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Das neue Theaterprojekt gestaltet die Geschichte von Peter Pan. Es wird ein Schauspiel mit Musik sein; den Text schreibt Torsten Schlegel. Drei Kinder begeben sich mit Peter Pan auf die Reise ins Nimmerland und bestehen dort höchst merkwürdige Abenteuer. Sie stoßen auf Piraten und Indianer und auf das große Krokodil. Alles wird bunt, exotisch und sehr theaterwirksam sein. 22 Akteure werden auf der Bühne stehen. Welches Berufstheater kann sich noch so eine Besetzung leisten! Ob sich die Geschichte 'wirklich' so zugetragen hat oder ob die ganze Reise nur ein Traum der drei Kinder ist, das mag jeder Zuschauer für sich entscheiden.
Die Arbeit an "Peter Pan" ist lebendiges Theater. Während das Textbuch wächst, haben die Besetzungen stattgefunden. In workshops wurden Schüler der fünften Klassen ermittelt, die Lust zum Mitspielen haben. Der Andrang war groß! Gleichzeitig entstehen Bühnenentwürfe, Kostüme, Werbematerialien. Die Stimmung unterm Dach knistert. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen: Wenn jemand sich auf eine Hauptrolle eingestellt hat und dann 'nur' als Tigerlilli besetzt wird, ist er traurig und verärgert. Aber das gehört zu den Erfahrungen, die man einmal machen muß! Im Herbst - so hoffen "Schillers Schüler" - werden sie am bundesweiten Schülertheater-Treffen in Rostock teilnehmen; dort wollen sie das neue Stück vorstellen. Toi toi toi!
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