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Schülerfirma, Juniorfirma, Miniunternehmen, Schülerunternehmen

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Schülerfirmen bzw. Juniorfirmen

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"Unser Chef geht in die 9b" - Schülerfirmen in ...
[Online-Version der gleichnamigen Print-Publikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung] [Druck-Version]

 
 
 
"Young Company" SAG - Schüleraktiengesellschaft der Mittelschule Großschönau
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  Dresden ist Landeshauptstadt. Es bildet die politische Mitte des sächsischen Freistaats. Großschönau liegt am Rande des Sachsenlandes, im Kreis Zittau, unweit der tschechischen Grenze. - Dresden ist eine Großstadt; die 21. Mittelschule ist eine unter vielen. Großschönau ist eine Gemeinde von knapp 10 000 Einwohnern. Es hat nur eine Mittelschule, die allerdings existiert in zwei Gebäuden. Das Haupthaus, ein Wilhelminischer Bau mit prachtvoller Fassade, steht an der Hauptstraße. Das Nebenhaus, noch immer Webschule genannt, weil sich hier ehedem die Berufsschule einer Weberei befand, steht in der Waltersdorfer Straße, jenseits der Bahngeleise. Ein eiliger Lehrer (der bis zu fünfzehnmal pro Woche zwischen beiden Häusern pendelt!) braucht sieben Minuten für seinen Weg. Die Schüler benötigen eine Viertelstunde ...

Der Gegensatz zwischen zwei Städten und zwei Schulen könnte kaum größer sein. Dennoch sind beide gleichberechtigte Partner im Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist". Er ist eben kein Vorzeigeprojekt, das unter Vorzugsbedingungen und 'unter den Augen der Macht' abläuft; der Versuch soll möglichst breite und möglichst unterschiedliche Erfahrungen erbringen.

Die Unterschiede der Städte sind für die Schulen durchaus relevant. Den künftigen Mittelschülern ist es (wie den künftigen Gymnasiasten) freigestellt, welche Schule sie besuchen wollen. Die Schulen treten untereinander in Konkurrenz. Sie laden die Schüler der vierten Klassen zur Besichtigung ein, erläutern das Profil der Schule (es ist nicht einheitlich!), zeigen die Fachräume, weisen auf Arbeitsgemeinschaften hin und annoncieren Freizeitangebote. Es ist eine klassische Werbeveranstaltung. Zu den 'Attraktionen' der Schulen gehören seit vergangenem Jahr auch die Schülerunterneh-men. Ich habe miterlebt, wie das Schülerreisebüro "Power Tours" in Hoyerswerda beim Tag der offenen Tür über seine Arbeit informierte. Professionell! Und mit Charme! Aber natürlich ist solche Werbung nur sinnvoll, wo mehrere Schulen zur Wahl stehen. In Großschönau und in Neustadt gibt es nur eine Mittelschule.

Von diesen Unterschieden abgesehen, bestehen zwischen "Mc School" in Dresden und der "Young Company" in Großschönau wichtige Gemeinsamkeiten. Beide Unternehmen bieten Leistungen an. Sie dienen der Schülerversorgung. Beide wurden als Aktiengesellschaften gegründet. Und beide stellten fest: Wer anbieten will, braucht einen Kiosk - in Großschönau sind es sogar zwei!

1.

Die "Young Company" wurde am 18. Januar 1995 gegründet. Sie ist damit die erste Unternehmensgründung im Rahmen des sächsischen Modellversuchs. Natürlich hat auch die Company eine eigene Satzung. 'Entstehende Ähnlichkeiten' zu anderen Regelwerken sind nicht zufällig: Zum Teil liegen sie in der Sache; vor allem aber widerspiegeln sie die zentrale Steuerung des Projekts. Ein Unterschied zwischen Dresden und Großschönau liegt im Umfang der selbstgestellten Aufgabe. Die Pausenversorgung ist in Großschönau nur ein Teil der Angebotspalette. "Young Company" ist ein Dienstleistungsunternehmen. § 1 der Satzung lautet:

Die Aktionäre der YOUNG COMPANY wollen im Rahmen eines eigenverantwortlich geführten Unternehmens wirtschaftliche Abläufe kennenlernen und erleben. Sie organisieren, verkaufen und verwalten selbständig.

Der Fettdruck entspricht dem Original. § 2 präzisiert den Gegenstand des Unterneh-mens, aber diese Präzisierung ist nicht mehr in allen Teilen aktuell.

Gegenstand des Unternehmens ist das Anfertigen von Werbematerial im Kundenauftrag, die Organisation von Veranstaltungen kultureller und sportlicher Art, die Herausgabe einer Schülerzeitung sowie die Vermarktung von Artikeln aus schulischer Produktion.

Hier sind vier Arbeitsfelder benannt, denen vier Abteilungen entsprechen: Werbung, Veranstaltung, Schülerzeitung und Verkauf. Werbung und Schülerzeitung arbeiten im ursprünglichen Sinne - davon wird zu reden sein. Der Verkauf - gedacht als Vermarktung von Gebrauchsgegenständen, die im Technikunterricht der Schule hergestellt werden - hat sich nicht durchgesetzt; an seine Stelle ist die Abteilung "Kiosk" getreten, die täglich in drei Unterrichtspausen für die Versorgung der Schüler sorgt. Die Veranstaltungsabteilung existiert nicht mehr.

Der Weg von der ursprünglichen Konzeption zur heutigen Praxis der AG ist aufschlußreich, weil er Einblick in das Funktionieren der Schülerunternehmen gibt. Die Mitarbeit in den Unternehmen ist freiwillig. Die Schüler werden weder durch Delegierung noch durch freundliche Nötigung zur Teilnahme bestimmt. Ich glaube, daß absolute Freiwilligkeit ein Grundzug und eine Grundbedingung der Schülerfirmen ist! Das unterscheidet sie von vielen (von den Lehrern durchaus gutgemeinten) Initiativen an Schulen der DDR: Die Schüler entscheiden selbst. Sie sind zu eigenverantwortlichem Handeln nicht erst in ihrer Firma, sondern bereits auf dem Wege zu dieser Firma herausgefordert.

Schülerunternehmen sind tatsächlich S c h ü l e r unternehmen! Das gehört zum "Ernstcharakter" des Projekts. Natürlich steht hinter der "Vermarktung von Artikeln aus schulischer Produktion" eine plausible Idee, weil damit die Brücke vom Unterricht zur außerunterrichtlicher Arbeit geschlagen wird. Aber es war die Idee eines Lehrers. Derzeit hat sie keine Chance. - Das gilt auch für die Gründung einer Veranstaltungsabteilung, die in der Schule und über die Schule hinaus tätig wird. Für eine kleine Stadt wie Großschönau (kein Theater, kein Kino) scheint dieses Angebot maßgeschneidert. Zunächst ließ es sich auch gut an.

Wir führten Veranstaltungen durch, wie zum Beispiel eine Mini - Playback - Show, einen Chopin - Abend und Spielnachmittage.

So steht es in einem "Rückblick" auf die ersten Monate. Aber die Veranstaltungsreihe wurde nicht fortgeführt. Der Chopin - Abend war ein Flop. Trotz intensiver Werbung (150 gezielte Einladungen) kamen nur 35 Besucher. Das "rechnet sich nicht", stellt André Kahle, der neugewählte Geschäftsführer aus der 9c, nüchtern fest. Der heimliche Wunsch des Direktors, die "Stunde der Musik" wiedererstehen zu lassen, ist nicht in Erfüllung gegangen. "Young Company" hat keine finanziellen Reserven, mit denen sich Verluste ausgleichen lassen. Es muß sich rechnen ... Die Mini - Playback -Show fand zwar regen Zuspruch (320 Besucher!), aber dann gab es Uneinigkeiten zwischen den verantwortlichen Mädchen: Die Abteilung Veranstaltungen löste sich auf. Der tiefere Grund für ihr Scheitern war bereits in ihrem Zustandekommen angelegt. Der Vorschlag kam 'von außen'. Er stammte nicht von den Mitarbeitern der Firma. Also war niemand betroffen, als die Abteilung von der Bildfläche verschwand.

Große Pläne gibt es in der Werbeabteilung. Bis jetzt dient sie der Sichtwerbung für das Unternehmen: Plakate wurden angefertigt, Preislisten gedruckt. Große Aufgaben werden auf die Abteilung zukommen, wenn "Young Company" sich an der Bildungs- und Gewerbemesse in Zittau beteiligt. Dort soll die Arbeit der AG ins beste Licht gerückt werden, denn man erhofft sich neben der allgemeinen Aufmerksamkeit auch das gezielte Interesse künftiger Sponsoren! - Doch die Werbeleute wollen nicht nur innerbetriebliche Zuarbeit leisten. Mit dem firmeneigenen Kopierer sollen Visitenkarten für Schüler gedruckt werden; man denkt sogar an einen Kopierdienst über die Schule hinaus. Die Gründe für diese Initiative sind offenkundig: Die Werbeabteilung will profitabel arbeiten.

2.

Die Schülerzeitung verdient einen eigenen Abschnitt. Nur zwei der fünf Versuchsschulen haben eine Schülerzeitung. In Hoyerswerda erscheint "Power"; Großschönau hat den "Klecks". Beide Zeitungen werden von den Schülerunternehmen herausgegeben; sie bilden selbständige Abteilungen und werden von einem Projektlehrer betreut. In Großschönau liegt diese Aufgabe in den Händen von Silvia Blencke. - Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist die Genesis von "Power" und "Klecks" verschieden. "Power" ist älter als das Reisebüro "Power Tours" (das seinen Namen vom Titel der Zeitung abgeleitet hat). Nachdem die Zeitungsarbeit völlig zum Erliegen gekommen war, wurde sie in die Firma integriert. Das erleichtert die Herstellung: Computer und Kopierer stehen auch den Redakteuren zur Verfügung. 1996 sind bereits zwei Nummern der neuen "Power" erschienen. - "Klecks" ist von Beginn an ein Teil der "Young Company". Ziel der Redaktion ist eine Ausgabe pro Monat; 1995 sind immerhin acht Nummern erschienen!

Beide Schülerzeitungen folgen bewährten Mustern: Die Beiträge reichen vom Gespräch mit einzelnen Lehrern bis zur unumgänglichen Witzecke. Nur ein Teil der Artikel befaßt sich mit schulischen Problemen; den Rest bilden Musik, Rätsel, Hinweise für Computerfreaks und sogar künstlerische Arbeiten (Gedichte und Graphiken) von Schülern ... ein Potpourri, das hier nicht näher untersucht werden kann. Investigativer Journalismus findet nicht statt. Als Forum des Meinungsstreits über schulische Probleme werden die Zeitungen (noch) nicht genutzt. Einmal ("Klecks" 3/95) wird berichtet, daß ein Artikel ("Die Schule - Ein Gefängnis") im Lehrerzimmer "heiße Debatten" ausgelöst hat, doch der Gesamteindruck heißt: überwiegend freundlich.

Beide Schülerunternehmen nutzen 'ihre' Zeitungen für eigene Annoncen und Hinweise an die Aktionäre. In "Klecks" 2/95 ist eine ganzseitige Anzeige geschaltet, darin heißt es u.a.

YOUNG COMPANY Aktuell: Wir haben noch 21 Aktien zu verkaufen von ursprünglich 100 Aktien! Wir suchen noch viele Mitarbeiter so zum Beispiel:

...zum Beispiel Hobby - Journalisten und einen Fotografen. Beide Zeitungen leiden unter Mitarbeitermangel. Es macht zu viel Arbeit, vermuten die Projektlehrer.

Es tut uns leid, daß einige von euch keine Schülerzeitung bekommen haben. Wir haben deshalb die Auflagenhöhe um 50 Zeitungen erhöht und hoffen darauf, daß wir die dritte Zeitung dann mit einer Auflage von 200 Stück verkaufen können.

Inzwischen hat sich die Auflage beider Zeitungen bei etwa 100 Exemplaren einge-pendelt. Herzerfrischend ist der Schluß der Anzeige:

Wir haben schon einen anonymen Beschwerdebrief bekommen. doch leider kennen wir die Schreiber nicht, die zu feige waren, die Namen darunter zu schreiben. Wir hätten sie dann für 2 Jahre verpflichtet, die Schülerzeitung besser, schöner und interessanter zu gestalten.

"Power" druckt auf der Rückseite seiner ersten Nummer das Logo und die Öffnungszeiten von "Power Tours" ab. Werbung ist alles!

Da das Preisangebot einer Hoyerswerdaer Druckerei (trotz vorgelegten Computersatz) unerschwinglich war, hat mat sich bei "Power Tours" entschlossen, die Zeitung selbst herzustellen. Das erlaubt große gestalterische Vielfalt: Die Zeitung bietet alles, was der Computer hergibt, ergänzt durch handschriftliche Hervorhebungen, kleine Zeichnungen und eingefügte Texte aus Tageszeitungen. Was als Behelfslösung gedacht war, erweist sich als Chance: Der gesamte Herstellungsprozeß liegt in den Händen der Schüler; wenn das erste Probeexemplar aus dem Kopierer kommt, kann das Ergebnis begutachtet und nach Wunsch korrigiert werden. - In gleicher Weise verfährt "Young Company", wobei die Großschönauer Zeitung nicht nur umfangreicher, sondern insgesamt 'professioneller' ist. Hier zahlt sich die größere Zahl von Mitarbeitern (zur Zeit sind es 7 gegen nur 3 in Hoyerswerda) aus; hier schlagen auch die Erfahrungen aus dem 95er Jahr zu Buche.

"Power" kostet 50 Pfennige, "Klecks" 1 Mark. Noch gibt es kein Vertriebssystem, das den regelmäßigen und gezielten Verkauf der Zeitungen sichert. "Young Company" will den "Klecks" künftig am Kiosk anbieten. Ein Teil der Auflage verläßt die Schule. Er geht in Geschäfte und Kleinbetriebe, die in der Zeitung inserieren. Damit zugleich werden "Young Company" und "Klecks" in Großschönau bekannt. Hier erweist sich die Kleinstadt als Standortvorteil. Das Terrain ist überschaubar. Die werbenden Schüler - es sind ja die Kinder der Kunden! - werden nicht abgewiesen. - Wie bei allen Beziehungen, die die Schülerfirmen mit Partnern außerhalb der Schule knüpfen, ist aber auch dieser Arbeitskontakt mit Risiken verbunden: Die Werbepartner zahlen im Jahr 60 Mark. Dafür erscheinen ein Jahr lang (monatliches Erscheinen der Zeitung vorausgesetzt!) ihre Anzeigen im "Klecks". Zur Zeit zahlen zwei Werbepartner die vereinbarte Summe nicht, weil sie die Zeitung nicht rechtzeitig erhalten haben. Die Redaktion muß mit den entstandenen Schwierigkeiten selbst fertig werden, denn die Projektlehrer sind sich einig; hier gilt der alte Satz: Durch Schaden wird man klug. - "Power" ist noch auf der Suche nach Werbepartnern. Vielleicht lohnt ein Erfahrungsaustausch mit der "Klecks"-Redaktion.

Genaue Abrechnung, die Übersicht über Gewinn und Verlust der Zeitungen, eine 'Verkaufsstrategie', stehen noch aus. Der Preis ist nicht kalkuliert, sondern festgesetzt. Die unternehmerische Seite der Zeitungsarbeit spielt vorläufig eine untergeordnete Rolle. Ich halte das nicht nur für verständlich, sondern auch für akzeptabel. Noch konzentrieren die (unterbesetzten) Redaktionen ihre Kräfte ganz auf das Produkt. Sie sind mit den Inhalten, mit der Herstellung und dem Vertrieb der Zeitungen ausgelastet. Die Vermarktung dieses Produkts wird der nächste Schritt sein.

3.

Am 30. Januar 1996, ein Jahr nach ihrer Gründung, hatte die "Young Company" 41 Beschäftigte. Die Firma ist in Abteilungen gegliedert; neben der Schülerzeitung, der Werbung und den Kiosken (Beschaffung und Verkauf) gibt es eine Abteilung Finanzen und eine Abteilung Personal. "Young Company" ist das größte der fünf Schülerunter-nehmen, möglicherweise auch das, dessen unternehmerische Struktur am stärksten ausgeprägt ist. Die "General Foods Corporation" in Bautzen hat zwar mehr Mitarbeiter (Verkäuferinnen), aber eine viel kleinere Leistungspalette. Die Breite des Leistungsange-bots verlangt eine strikte Teilung der Arbeitsaufgaben und der Verantwortung. Jeder der beteiligten Schüler hat seine genau umrissenen Pflichten. Sehr selbstbewußt ist in einem Faltblatt der Company formuliert:

Je nach Fähigkeiten und Interessen können diese Schüler in unserer Firma unterschiedliche "Berufe" ausüben. Da wären Berufe vom Fotografen bis zum Journalisten, vom Zeitungsredakteur bis hin zum Verkäufer.

Die große Zahl der Beschäftigten - Verkaufskräfte für 2 Kioske! - wirft Fragen auf. Nur zum Teil sind die Mitarbeiter auch Auktionäre der Firma. Die Verkäuferinnen - Verkaufen macht 14jährigen Mädchen einfach Spaß, sagt Projektlehrer Bollmann - haben großenteils kein Interesse, Firmenanteile zu erwerben. Die Gewinnausschüttung geht an ihnen vorüber, doch da die Kioske florieren, bekommen die Verkäuferinnen einen Lohn für ihre Arbeit, der die Dividende in den Schatten stellt. So war es ursprünglich nicht gedacht. In allen anderen Schülerunternehmen sind die Mitarbeiter zugleich auch Teilhaber, im Grunde aber kommt die Großschönauer 'Ausnahme' der Realität näher als das Modell der Partnerunternehmen. Vor allem aber: die Praxis korrigiert den vorausbedachten Entwurf. Folgerichtig wurde § 7 der Satzung geändert:

Jeder Schüler (bisher: Aktionär) kann sich beim Vorstand um eine Stelle in den entsprechenden Abteilungen der Company bewerben. (...)
Es gab weitere Änderungen. § 4 schreibt zum Thema "Aufsichtsrat":

Der Aufsichtsrat der Gesellschaft besteht aus 11 Personen. Sie müssen selbst Aktionär sein.

Auch hier hat sich der vorgegebene Entwurf als unpraktikabel erwiesen: Künftig besteht der Aufsichtsrat aus 7 Personen. Doch damit ist das Problem der Company nicht beseitigt. Im ersten Aufsichtsrat (vom Januar 1995) saßen vorwiegend Schüler der 10. Klassen. Sie schieden im Sommer 1995 aus; die verbliebene Minderheit ist seit dieser Zeit nicht wieder zusammengekommen. die Aufgaben des Aufsichtsrats ("Bestellung des Vorstands/ Prüfung des Jahresabschlusses") wurden nicht wahrgenommen. Auf der (schwach besuchten) Hauptversammlung am 30. Januar 1996 konnte kein neuer Aufsichtsrat gewählt werden. Es gibt ihn nicht - und niemand vermißt ihn.

Was wie ein Streit um Formalia der Satzung klingt, zielt auf prinzipielle Fragen des Modellversuchs. Die Schüler sollen zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist erzogen werden. Das geschieht zuvörderst durch ihre praktische Mitarbeit in den Schülerunter-nehmen. Hier lernen sie handlungsorientiert und weitgehend eigenverantwortlich. Hier entwickeln sie - auch wenn ihnen das selbst nicht recht bewußt ist - Elemente einer künftigen Schule, die neue Beziehungen zur gesellschaftlichen Praxis schafft. - Das ist die eine Seite. Der andere, nicht weniger wichtige Aspekt des Modellversuchs ist der Einblick in wirtschaftliche Strukturen, in die auch sie, die Schüler, künftig eingebunden sein werden. Daß einer von ihnen künftig als Aktionär in einem Aufsichtsrat sitzt, mag nicht sehr wahrscheinlich sein; aber viellicht sitzt er dort als gewählter Arbeitnehmervertreter?! Wenn das Projekt auch das demokratische Handeln befördern soll, dann ist der Umgang mit den Spielregeln dieser Demokratie unerläßlich. Natürlich sind in der virtuellen Realität der Schülerunternehmen viele Betriebs- und Leitungsstrukturen entbehrlich. Doch sie sind unentbehrlich für den Einblick in die Wirtschaftswelt. Deshalb plädiere ich für Unternehmensstrukturen in den Schülerfirmen, die den wirklichen Strukturen nahe kommen. Soweit wie möglich.

4.

Ein bilanzsicherer Hauptbuchhalter ist auch in der freien Wirtschaft ein hochange-sehener Mann. Er ist der Steuermann, der das Schifflein zwischen Skylla und Charybdis hindurchführt. In den Schülerunternehmen gehört die Aufstellung der Jahresbilanz zu den ungeliebten, weil völlig ungewohnten Aufgaben. Was da verlangt wird, ist auch für viele Lehrer neu. Wohl der Firma, die von einem Wirtschaftslehrer betreut wird!

Die Abschlußbilanz setzt voraus, daß alle Abrechnungen des zurückliegenden Ge-schäftsjahres nachvollziehbar sind. Jeder Beleg zählt. Was verlegt, verloren oder ver-gessen wurde, läßt sich kaum ersetzen. Diese Erfahrung (die wir Erwachsenen bei der leidigen Steuererklärung machen) ist schmerzlich: Meist waren die finanzverantwortli-chen Schüler nach dem Ende des ersten Geschäftsjahres überfordert: Sie merkten erst jetzt, wie wichtig eine exakte Buchführung ist.

"Young Company" gehört zu den Unternehmen, die eine vorbildliche Bilanz erstellt haben. Zur Jahreshauptversammlung wurden jedem Aktionär zwei Papiere ausgehändigt: Die schriftliche Bilanz mit Aktiva und Passiva, Gewinn- und Verlustrechnung sowie eine Beschlußvorlage über die Verwendung des Gewinns. Auf der Rückseite der Bilanz resümierte der - nun ausscheidende - Geschäftsführer Egmont Schreiter aus der 10c:

Wir können auf ein sehr erfolgreiches erstes Geschäftsjahr zurückblicken. Ich hoffe, daß das neue Gschäftsjahr noch erfolgreicher wird und daß noch viele Schüler in der Young Company die ersten Schritte in die Arbeits- und Geschäftswelt gehen werden.

Auch "Young Company" hat über 12 000 Mark für die Grundausstattung von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung erhalten. Dazu kommen 415 Mark gezeichnetes Aktienkapital (auch hier wurden Anteilscheine im Nennwert von 5.- DM ausgegeben). Bedeutend größer als in Dresden war der Umsatz, er betrug über 14 000 Mark; und entscheidend größer war der Gewinn: Er betrug 3 200 Mark. Also war die Versammlung vor die Aufgabe gestellt, die Verwendung dieser Gelder zu beschließen. Die Beschlußvorlage der Firmenleitung enthielt vier Punkte. Erstens:

Erhöhung des gezeichneten Kapitals, durch Verkauf von weiteren Aktien, auf 500 DM

Damit wurde eine Zielstellung erneuert, die bereits in der Satzung formuliert worden war: Die Company wollte von Beginn an 100 Anteilscheine ausgeben. - Die folgenden Punkte betrafen die Verwendung des Überschusses:

- Unterstützung des Kinderheimes Hainewalde mit einer Spende in Höhe von 100 DM!
- Beteiligung am Ausbau eines Pausenraumes im Hauptgebäude in Höhe von 1000 DM!
- Zahlung einer Dividende an alle Aktionäre gegen Abgabe des Anteilscheines in Höhe von 2 DM!


Die Vorlage wurde ohne Gegenstimme beschlossen. Natürlich ist es erfreulich, wenn ein Unternehmen mit Gewinn arbeitet. Es stärkt das Eigentümerbewußtsein der Aktionäre. Eine Dividende von 40 % ist 'super' (auch wenn sie für jeden nur ein paar Mark ausmacht), und die Unterstützung für das Kinderheim und den Pausenraum kann auch Zweifler besänftigen: Der Überschuß dient einem guten Zweck.

In der jüngsten Nummer von "Klecks" berichtet der neue Geschäftsführer:
Die Young Company hat den Kiosk renoviert und ausgebaut! Wir sind dabei, aus dem damaligen Verkaufsraum einen Pausenraum für Euch zu gestalten. Dort könnt Ihr bald in den Pausen sitzen, Musik hören...
Da die Renovierungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, bitten wir um Verständnis, daß wir unser volles Sortiment noch nicht im Angebot haben. Nach Ostern geht's wieder mit den warmen Mahlzeiten los. (...)


Noch ein paar Worte in eigener Sache: für unseren Pausenraum suchen wir noch Sitzgelegenheiten (Sofas, Stühle). Vielleicht könnt Ihr uns damit helfen???

Das Erwirtschaften von Überschüssen und die Gewinnausschüttung sind aber auch wichtig, weil sie die Schüler-Aktionäre mit einer neuen Verantwortung konfrontieren. Die Frage: Was macht man mit dem Geld? ist ebenso wichtig wie die Frage: Wie erwirtschaftet man Geld? In Großschönau bei "Young Company" wurde der Vorschlag der Firmenleitung kommentarlos gebilligt - vielleicht auch deshalb, weil nur ein kleiner Teil der Anteilseigner gekommen war. In Bautzen bei "General Foods Corporation" gab es eine Diskussion über alternative Vorschläge; die Entscheidung fiel in offener Abstimmung. Bei "Mc School" in Dresden erübrigte sich die Debatte. Der erwirtschaftete Gewinn war zu klein. Die Aktionäre sind um eine Erfahrung ärmer als ihre Mitstreiter an den beiden anderen Schulen. - Die Schlußfolgerung mag irritierend sein, aber ich halte sie für zwingend: Wenn eine Schülerfirma als profitorientiertes Unternehmen angelegt ist, dann muß sie auch Profit machen - sonst ist sie wirklichkeitsfremd.

5.

Im Sommer 1995 wurden Projektlehrer und Schüler von der Projektleiterin, Frau Dr. Finke, nach ihren Erfahrungen im Umgang mit dem Modellversuch gefragt. Die Antworten (als interne Verständigung gedacht und deshalb an dieser Stelle 'ohne Name und Hausnummer' wiedergegeben) zeigen Übereinstimmung in zwei Punkten: Alle Befragten halten das Projekt für nützlich, und alle betonen, daß ihnen die Arbeit Spaß macht. Dabei wird nicht verschwiegen, daß die Pioniere des Unternehmens mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Räumliche Probleme, Unverständnis bei den Kollegen, abwartendes Desinteresse einiger Mitschüler - im Grunde sind es Widerstände, mit denen neue Ideen seit jeher zu kämpfen haben. Nur en passant wird die zeitliche Belastung erwähnt, die Schüler wie Lehrer vor allem in der Anfangsphase auf sich genommen haben. Die gemeinsame Mühe wird durch eine neue, gleichberechtigte Partnerschaft von Schülern und Lehrern aufgewogen.

Motiviert hat uns die Begeisterung der Schüler,

schreibt ein Projektlehrer. Und an anderer Stelle heißt es:

Das Verhältnis Lehrer - Schüler hat sich durch die Projektarbeit schon verbessert. Es ist kameradschaftlicher geworden. Die Schüler haben Verantwortung übernommen, und das wirkt sich auf das Gesamtverhalten positiv aus.

Das klingt verheißungsvoll. Im Gespräch mit den Projektlehrern wird freilich auch die Kehrseite der Medaille aufgedeckt: Ein Teil des Lehrerkollegiums scheut den Modellversuch, eben weil die gemeinsame Arbeit für die Firma die Lehrer-Schüler-Beziehung verändert. Der Lehrer steht nicht vorn, weil er mehr weiß, sondern damit man ihn besser sehen kann; so oder ähnlich hat Tucholsky gesagt. Der Satz stammt aus einer anderen Zeit und kann (wie ein anderer, heftig umstrittener Satz des Autors) nicht bedingungslos auf die Gegenwart übertragen werden. Richtig aber ist, daß der tradierte Frontal-Unterricht dem Lehrer eine Autorität gibt, die er aufs Spiel setzt (vielleicht auch: auf die Probe stellt?!), wenn er sich als einer unter gleichen an den Vorstandstisch setzt. Das ist nicht jedermanns Sache. Doch wer den Schritt gewagt hat, hat es nicht bereut.

Ein bedauerliches PS: Den Schulämtern wird in den Auskünften der Projektlehrer keine gutes Zeugnis ausgestellt.

Oberschulamt und Schulamt bereiteten uns bei der Gründung unseres Unternehmens keine Schwierigkeiten.

Ein bittersüßes Lob. An anderer Stelle heißt es:

Unser Schulamt zeigte uns gegenüber bisher kein Interesse am Modellversuch.

Wohlgemerkt: Es gibt Ausnahmen! Frau Kunde vom Oberschulamt wird ausdrücklich für ihre Unterstützung gedankt. Im ganzen aber überwiegt Enttäuschung.

Zur Gründungsveranstaltung waren der Amtsleiter vom Schulamt (...) und der Verantwortliche für Mittelschulen (...) körperlich anwesend, aber sprachlich abwesend. (Wir hatten wenigstens einige Worte erwartet.)

Was im Sommer '95 niedergeschrieben wurde, findet sich im Frühjahr '96 fast überall bestätigt. Großes Lob für die Projektleitung durch Frau Dr. Finke, Freude über die angebotenen Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum Erfahrungsaustausch, Bedauern über die geringe Resonanz in den Schulämtern. - Man braucht die Zwieisprache, man braucht gelegentlich auch Anerkennung, denn bei aller Freude an der freiwillig übernommenen Aufgabe gibt es zahlreiche Schwierigkeiten und eine permanente Mehrbelastung. Am 12. April 1996 trafen sich die Geschäftsführer aller fünf Firmen im Oberschulamt Dresden. Der Präsident hatte eingeladen und begrüßte seine jungen "Kollegen" zu einem Gespräch, das für beide Teile wichtig und ertragreich war.

Ein Gespräch wirkt stärker als freundlicher Zuspruch; Anregung wiegt schwerer als Anerkennung; und die Freude an der Arbeit wärmt mehr als der Erfolg. Deshalb gilt - am Ende - das Resümee der "Young Company" aus Großschönau:

Uns motiviert der Spaß an der Sache genauso wie die Lust, einmal etwas Neues auszuprobieren.

 
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