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"Unser Chef geht in die 9b" - Schülerfirmen in ...
[Online-Version der gleichnamigen Print-Publikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung] [Druck-Version]
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Gespräch mit Reinhard Haase - Schulleiter der 21. Mittelschule "Am Zoo" Dresden
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Gugisch: Herr Haase, Sie haben die Gründung und die Entwicklung des Schülerunternehmens "Mc School" von Beginn an gefördert; das loben die Projektlehrer, das würdigen die Schüler. Warum haben Sie das getan?
Haase: Ich habe vor knapp zwei Jahren von der Schulrätin erfahren, daß die EU ein solches Projekt anbietet. Das hat mich gleich interessiert. Es kann einer Schule nichts Besseres passieren, als wenn sie die Theorie, die in der Schule gelehrt und gelernt wird, in der Praxis erproben kann. Deshalb unterstütze ich das Unternehmen nach besten Kräften. Das Projekt ist für die beiden Profile unserer Schule besonders geeignet, besonders dem wirtschaftlichen Profil kommt es entgegen.
Gugisch: Sie haben die Profile Wirtschaft und Technik.
Haase: Ja. Derzeit haben wir ein paar Probleme mit der Technik. Dorthin kommen vor allem manuell sehr willige Jungs, es fehlen aber die Mädchen. Im Wirtschaftsbereich sind die Klassen einigermaßen ausgeglichen; die Absolventen sehen für ihren späteren Job eine sehr gute Perspektive. Die Mitarbeit bei "Mc School" kann dabei hilfreich sein. Ich halte es deshalb für sehr wichtig, daß die Schüler nach Beendigung von Klasse 10, wenn sie erfolgreich am Unternehmen beteiligt gewesen sind und es eigenständig geleitet haben, ein entsprechendes Zertifikat bekommen. Das ist ein guter Einstieg in die Berufswelt. Und in der heutigen Lehrstellenstituation ist es besonders wichtig.
Gugisch: Welche Dinge erfahren die Schüler durch das Unternehmen, die sie nicht ebenso gut im Unterricht lernen können?
Haase: Vor allem kreatives Tätigsein. Sie müssen selbst nach dem Bedarf in der Schule forschen. Sie müssen anbieten, was die Mitschüler wollen oder brauchen. Sie müssen lernen, eigenständig zu arbeiten, selbständig zu denken, selbständig zu führen ... Ich sehe den Schwerpunkt im Bereich der Selbständigkeit und in der Praxisorientiertheit der Schüler.
Gugisch: Solange diese Schülerunternehmen existieren, gibt es auch Einwände gegen sie. Nicht nur in Deutschland. Kritiker sagen: Sache der Schule sei das 'Learning', während die Welt des 'Earning', also der unternehmerischen Initiative und des Geldverdienens, ihre Sache gerade nicht sei. Schulleben und Berufsleben seien zwei verschiedene Dinge. Was sagen Sie dazu?
Haase: Schule soll auf das Leben vorbereiten. Lernen für das Leben - etwas andres machen wir in diesem Unternehmen nicht. Ich finde, das ist bei "Mc School" ganz gut gelungen. Soweit ich von den anderen Unternehmen weiß, kommen sie zu ähnlichen Ergebnissen. Ich staune immer wieder über die Vielfalt der Möglichkeiten, die junge Leute teils selbst, teils auf Anregung ihrer Lehrer in diesen Unternehmen finden.
Gugisch: Sie haben keine Sorge, daß dabei für die Schüler nur das "Profitmachen" im Vordergrund stehen könnte?
Haase: Nein, das sehe ich nicht. Die Preise von "Mc School" sind sehr schüler-freundlich, manchmal sogar beispielhaft für manch anderes Unternehmen.
Gugisch: Bekommen die Schüler durch die Mitarbeit bei "Mc School" auch eine neue Beziehung zu ihrer Schule? Gibt es Rückwirkungen?
Haase: Die Schüler wachsen mit ihren Aufgaben. Ich habe das an unserer bisherigen Geschäftsführerin deutlich gesehen. Bei ihren ersten Reden war Dorit Fleischer noch unsicher, sie hing am Konzept; beim Schlußbericht sprach sie frei, ruhig und gekonnt. Sie hatte die Geschäftszahlen im Kopf und konnte auf alle Fragen antworten. Sie ist als Schülerpersönlichkeit ganz toll gewachsen.
Gugisch: Nach meinen Besuchen bei allen fünf Unternehmen sehe ich zwei wiederkehrende Probleme. Das erste: Die Projektlehrer widmen sich aufopferungsvoll ihren Aufgaben; die meisten Schulleitungen unterstützen sie tatkräftig; aber die übrigen Lehrer, die Kollegen, reagieren sehr zurückhaltend. "Erziehung zu ..." als übergreifende Aufgabe, die vom jeweiligen Fachlehrer aufgenommen wird, so daß sie den ganzen Unterricht durchzieht, ist vorläufig noch ein Fernziel. Wie ist das an Ihrer Schule?
Haase: Ich sehe bei uns dasselbe Problem. Die drei Projektlehrer sind sehr engagiert. Wir haben in mehreren Dienstberatungen und Lehrerkonferenzen zum Unternehmen gesprochen, haben auch die Schüler selbst zu Worte kommen lassen, in der Hoffnung, daß sich nach und nach mehr Kollegen engagieren ... Ich überlege dauernd, warum das nicht der Fall ist, bin aber noch nicht so recht dahinter gestiegen. Ein Teil der Lehrer ist dem Ressortdenken verhaftet. Er denkt nur an das eigene Fach, nicht fachübergreifend. Ich würde mir wünschen, daß das Unternehmen von allen Lehrern gleichermaßen unterstüzt wird; es käme auch ihnen selbst zugute! Ich gehe fast jeden Tag einmal runter zum Kiosk und schaue nach dem Rechten. Ich will wissen, wie's läuft, wie der Andrang ist und wie sich alles entwickelt. Das wünschte ich mir von anderen Kollegen auch. Ich hoffe, daß es gelingt, wenn wir mit dem Unternehmen in die Öffentlichkeit gehen: Wir wollen bei Schulfesten anderer Schulen auftreten, vielleicht auch den einen oder anderen Schüler für unsere Schule gewinnen. Das geht dann alle an. In diesem Zusammenhang wünschte ich mir mehr Schulautonomie; ich würde gern selbständiger arbeiten. Besonders schön war das zum Start, 1990, seit dieser Zeit bin ich Schulleiter. Wir haben damals eine ganze Reihe Anbieter ins Haus geholt, konnten mit den Geldern eigenständig wirtschaften, hatten damals sogar ein eigenes kleines Auto, einen Multicar (den könnten wir jetzt gut für das Unternehmen brauchen!), doch je mehr Institutionen installiert wurden, um so enger wurde das Korsett.
Gugisch: Was sie sagen, betrifft bereits das zweite Problem. Das Interesse der Schulbehörden an dem Modellversuch ist nicht sehr ausgeprägt. Ich weiß von einem Schulamt, das gefragt hat: Muß das denn sein? Es ist eine so kleine Zahl von Schülern - lohnt das denn den Aufwand und die Mühe? - Woran liegt das? Es ist schließlich ein Auftrag des Kultusministeriums. Woher kommt diese - bestenfalls - freundlich-abwartende Haltung?
Haase: Wir haben uns über die Urkunde von Kultusminister Dr. Rösler sehr gefreut. Er hat das Unternehmen ausdrücklich begrüßt. Die Unterstützung des Schulverwaltungsamtes aber war eher lau. Vielleicht spielen die Ämter nicht so richtig mit, weil überall finanzielle Not herrscht. Vielleicht aber rührt sich auch mancher Amtsschimmel nicht so schnell vom Flecke. Die Risikobereitschaft ist nicht sehr ausgeprägt, und es gibt überall eine Vielfalt von Verordnungen und Paragraphen. Ich finde, im Interesse der Kinder und der Schule sollte man die Sache locker angehen. Wir wollen nicht auf dem Markt in der Stadt, sondern in der Schule selbst unser Geschäft betreiben. Dafür hätte ich mir schnellere, unkompliziertere Unterstützung gewünscht. - Ich möchte hinzufügen: Gute Unterstützung hatten wir seitens der Eltern. Wir haben in der Elternkonferenz unserer Schule einen Vati von der Feuerwehr, der hat uns bestens geholfen, wir hatten so manchen Handwerker-Schülervater an der Hand, der uns beim Bau unterstützt hat.
Gugisch: Über die Initiative Ihrer Schule wurde im regionalen Rundfunk und Fernsehen berichtet. Es gab (mit etwas zwiespältigem Erfolg) auch einen Beitrag in einer Osnabrücker Zeitung. Einer Ihrer Projektlehrer hat kürzlich an einem internationalen Treffen in Malta teilgenommen. Vielleicht ergeben sich daraus Beziehungen zu einer holländischen Schule - das alles zeigt, wie eine Initiative in der Schule weit über die Schule hinaus wirkt. Das müßte doch auch die Behörde freuen.
Haase: Wenn Sie mich als 'Behörde' verstehen, dann stimme ich Ihnen sofort zu. Über den Artikel der Osnabrücker Zeitung haben wir uns sehr gefreut. Sie wissen, er hat den Einspruch von Mc Donald's ausgelöst. Ich finde es sehr schön, wenn's eine Eiche stört, weil sich ein Schweinchen dran schabt ... Ich hätte mir freilich von Mc Donald's mehr Einfühlungsvermögen gewünscht, vielleicht sogar eine kleine Partnerschaft zwischen Mc Donald's und "Mc School". Ich habe die Schüler angeregt, in diesem Sinne nach München zu schreiben. - Das zweite war die Schulpartnerschaft nach Dänemark. Daran wäre ich sehr interessiert. Ich habe 1990 persönlich eine Schulpartnerschaft mit der Allgäuer Stadt Füssen aufgebaut. Wir hatten Schüler dort, wir hatten Lehrer dort. Leider hat der Kultusminister Zehemayer seinen Schülern und Lehrern keine Möglichkeit gegeben, nach Sachsen zu kommen. Inzwischen hat die Schule einen neuen Rektor, der auf die Fortsetzung der Partnerschaft keinen Wert legt. Vielleicht läßt sich so etwas mit den Holländern verwirklichen.
Gugisch: Eine letzte Frage. "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" ist wie alle Projekte zeitlich begrenzt. 1997 laufen die Fördermaßnahmen aus, vor allem die anrechenbaren Stunden für die Projektlehrer. Von daher gibt es dann keinen Anreiz mehr. Nun ist es sicher eine Illusion zu glauben, die Schüler könnten vom Stichtag an alles allein bewältigen. - Wie geht's dann weiter? Meinen Sie, daß "Mc School" ein Bedürfnis bei den Schülern geweckt hat, so daß sie womöglich mit einem Transparent vor die Schule ziehen und fordern: Macht den Kiosk auf?
Haase: "Mc School" lebt mit und von den Schülern. Die Projektlehrer sind die Begleitpersonen. Mir ist nicht bange, daß immer neue Schüler mitarbeiten wollen, und wenn das Unternehmen künftig einen kleinen 'Lohn' zahlen kann, dann wird es neben dem Zertifikat und der Freude am Mitmachen noch einen weiteren Anreiz geben.
Gugisch: Und wie wird's mit den Lehrern, wenn "Mc School" nur noch ein zeitraubendes Hobby ist?
Haase: Ich denke, daß es weitergehen wird, wobei mir der Lehrereinsatz insgesamt etwas Sorgen macht. Wir werden im nächsten Jahr nur noch etwa 360 Schüler haben, dann werden wohl einige Lehrer die Schule verlassen müssen. Ich hoffe, daß es keine Wirtschafts- und Techniklehrer trifft. Da diese Kollegen mit viel Engagement auch für "Mc School" arbeiten, werde ich bestrebt sein, sie an der Schule zu behalten. Ich denke, wir werden das packen.
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