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Gespräch mit Dr. Angelika Dittrich, Referatsleiterin im Sächsischen Staatsministerium für Kultus


Gugisch: Frau Dr. Dittrich, wie ist es zu diesem Modellversuch an sächsischen Mittelschulen gekommen?


Dittrich: Eigeninitiative-Projekte sind nicht neu. Es gibt sie seit mehreren Jahren und in verschiedenen europäischen Ländern. Das sächsische Kultusministerium hat sich dafür interessiert, weil sie ein Kernproblem gerade in den ostdeutschen Ländern, also auch in Sachsen betreffen. Es gibt hier immer noch eine psychologische Barriere, die der Entwicklung von Eigeninitiative, Veränderungsbereitschaft und Risikobereitschaft, allgemein gesagt: die dem Mut zum Neuen im Wege steht. Wer Neues durchsetzen will, muß Widerstände überwinden, und genau in diese Richtung zielt der Modellversuch, dessen Titel ja auf Eigeninitiative und Unternehmensgeist orientiert. Leider gerät der zweite Teil des Titels manchmal etwas in Vergessenheit. Ich wünschte mir, er würde stärker in den Mittelpunkt gerückt.


Das besondere Interesse, das in Sachsen an diesem inhaltlichen Schwerpunkt besteht, zeigt sich daran, daß parallel zum Modellversuch ähnliche Projekte der Bundesarbeitsgemeinschaft "Schule-Wirtschaft" unter dem Titel "Junior" gefördert werden. Ein Anliegen war, diese Projekte von Seiten des Ministeriums nicht vorzuschreiben. Die Schulen konnten sich darum bewerben. Es hat eine Ausschreibung gegeben, und die Schulen, die die besten Konzepte und Ideen vorlegten, bekamen den Zuschlag. Es gab also mehr Bewerbungen als Bewilligungen; es hat aber auch eine Schule gegeben, die nachträglich aus dem Projekt wieder verabschiedet wurde.


Gugisch: Warum haben sie den Versuch auf fünf Schulen begrenzt?


Dittrich: Einfach der Überschaubarkeit halber.


Gugisch: Der Modellversucht geht auf eine EU-Initiative zurück -


Dittrich: Ja, er geht auf eine EU-Initiative zurück; er sieht Kooperationsmöglichkeiten mit Staaten der EU, aber auch mit osteuropäischen Staaten vor, die sich derzeit ebenfalls in der Transformation zur Marktwirtschaft befinden. Angeregt und unterstützt werden diese Vorhaben besonders von der Freudenberg-Stiftung.


Gugisch: Eigeninitiative, sagen Sie, ist wenig entwickelt. Dennoch hat sich eine ganze Reihe von Schulen für den Versuch beworben. Ist das nicht ein Widerspruch?


Dittrich: Ja und nein. Das Interesse der Schulen an dem Versuch erwächst nicht immer nur aus seiner Thematik. Einige Schulen, die sich beworben haben, waren zunächst einmal an Projektförderung interessiert. Es wird sich im Verlauf des Versuchs zeigen, wie über die ausgewählten Modellschulen hinaus weitere Eigeninitiative-Projekte in der Region angeregt werden können.


Gugisch: Dieser Modellversuch ist einer von mehreren. Welchen Stellenwert hat er im Vergleich zu anderen Vorhaben?


Dittrich: Die meisten der derzeit in Sachsen laufenden Modellversuche sollen einen innovativen Mehrwert für die Weiterentwicklung der Mittelschule erbringen. Gerade in dem pragmatisch orientierten Bildungskonzept der Mittelschule haben Eigeninitiative-Projekte einen hohen Stellenwert, z.B. in bezug auf Berufswahlvorbereitung, Vermittlung von Schlüsselqualifikationen und Kontakte mit dem außerschulischem Umfeld. Mittels realer, auf die Lebens- und Wirtschaftswelt bezogener Projekte im Produktions- und Dienstleistungsbereich sollen die Schüler Kompetenzen erwerben, die ihnen den Übergang ins Berufsleben - sei es als Arbeitnehmer oder als Selbständiger - insgesamt erleichtern.


Gugisch: Verknüpfungen zwischen den Ergebnissen der Modellversuche stellen sich aber erst her, wenn diese Versuche abgeschlossen sind?


Dittrich: Nein, ich glaube, damit würde man die besonderen Potenzen der Modellversuche nicht effizient nutzen. Zwischenergebnisse müssen kontinuierlich aufbereitet und diskutiert werden; der dazu notwendige Erfahrurngsaustausch muß praktisch institutionalisiert werden.


Gugisch: Was geschieht, wenn der Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" 1997 ausläuft?


Dittrich: Es ist nicht Aufgabe der Modellversuche, auf kurze Dauer bestimmte Effekte zu erreichen. Unser Ziel ist der Transfer der Ergebnisse ins Regelschulwesen und damit die Verbesserung der Normalität von Unterricht. Eine Transfermöglichkeit - und zwar bereits im Verlauf eines Projekts stellt die Lehrerfortbildung dar. Erfahrungen werden an andere Schulen weitergegeben. Für den Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" geschieht das bereits über die Projektleiterin, Frau Dr. Finke.


Gugisch: Also wortwörtlich auf kürzestem Wege -


Dittrich: Ja. Weiterhin ist zu prüfen: Wie kann man das, was erarbeitet wurde, auch curricular umsetzen; welche Anregungen bieten die Eigeninitiative-Projekte für die Neukonzipierung des wirtschaftlichen Profils oder des Profilunterrichts insgesamt.


Gugisch: Das Projekt wirkt also weiter - die Entlastungsstunden für die beteiligten Projektlehrer aber werden nur bis 1997 gewährt.


Dittrich: Damit ein Projekt auch nach Ablauf der Förderung eine Chance hat, fortgeführt zu werden, sollte es unter realitätsnahen Bedingungen ablaufen. Deshalb haben wir die Rahmenbedingungen von vornherein so gestaltet, daß Entlastungsstunden nur für den versuchsbedingten Mehrbedarf zur Verfügung stehen. Dann muß man weitersehen. In Abhängigkeit von den Ergebnissen müssen Lösungen gesucht werden.


Gugisch: Die beteiligten Projektlehrer investieren viel Zeit und Kraft, um die Eigeninitiative der Schüler zu entwickeln. Das ist ein Prozeß, aus dem sie sich - nach ihrer Erfahrung - nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückziehen können, zumal sich die Mehrheit der nicht direkt beteiligten Lehrer ziemlich abwartend verhält. Man bezeichnet uns als "arme Verrückte", hat mir eine Projektlehrerin gesagt.


Dittrich: So etwas kennt man - nicht nur aus dem Schulbereich; aber es wird sich bald herausstellen, daß die investierte Zeit den Projektlehrern in ihrer Beziehung zu den Schülern zugute kommt. Die Mühe zahlt sich aus.


Gugisch: Die Projektlehrer loben die Unterstützung durch Frau Kunde vom Oberschul-amt, aber sie beklagen einhellig das Desinteresse der Schulämter an dem Modellversuch. Wie kommt das?


Dittrich: Ich glaube nicht, daß man von Desinteresse sprechen kann. Man muß bedenken, daß Projekte dieser Art natürlich mit Veränderungen und Risiken verbunden sind. Da gibt es verständlicherweise noch manche Hemmschwelle.


Gugisch: Die verantwortlichen Lehrer sind enttäuscht, weil ihre Arbeit nicht ernst genommen wird.


Dittrich: Die Bedeutung des Projektes für die Entwicklung der Mittelschule wird sich sehr bald zeigen, ebenso seine Potenzen für die Entwicklung methodischer und sozialer Kompetenzen, wie sie heute von der Wirtschaft mit Nachdruck gefordert werden. Sicher wird von einigen die Auffassung vertreten: Wir haben mit anderen Problemen ‘vor Ort’ genug zu tun, wozu brauchen wir dieses leicht exotische Projekt?! Man verkennt dabei, daß es bei der Erziehung zur Eigeninitiative letztlich auch um die Zukunft und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Sachsen geht.


Gugisch: Wenn sie ihre Arbeit ernst nehmen, müssen die Schulämter Transmissionen auf dem Wege von der Versuchsschule zur Regelschule sein.


Dittrich: So ist es. Wir brauchen gerade mit Blick auf die gravierenden Veränderungen in der Erwerbs- und Berufsstruktur auch in der Schule kürzere Innovationszyklen. Modellversuche sind dafür ein bewährtes Instrumentarium, und Modellversuchs-Schulen sollten von den Schulämtern als regionale Entwicklungsagenturen unterstützt werden.


Gugisch: Sie haben betont, daß der Modellversuch für die neuen Bundesländer besondere Bedeutung hat. Woran denken Sie dabei?


Dittrich: In der DDR hatte sich eine spezifische Form hierarchischen Denkens entwickelt: Man handelte nach Plänen, die von anderen vorgegeben wurden. Es gab eine Mangelwirtschaft, die zwar an die ‘Erfindungsgabe’ des einzelnen hohe Ansprüche stellte, aber den Spielraum für individuelle Entscheidungen stark begrenzte. Eigeninitiative war kaum gefragt ... Das alles ist nun zuende. Wir leben unter neuen Bedingungen, und die Schule muß mithelfen, ihnen gerecht zu werden.


Gugisch: Sehen Sie Elemente im Schulwesen der DDR, die für den Modellversuch fruchtbar werden können?


Dittrich: Durch die Polytechnische Oberschule gab es eine enge Bindung des Unterrichts an die materielle Produktion. Aber es ging dabei primär ums Produzieren. Produktentwicklung und Ideenkonzeption spielten keine Rolle. Der polytechnische Unterricht orientierte ausschließlich auf abhängige Beschäftigungen. Die Diskussion um den Stellenwert der polytechnischen Bildung ist immer auch vor dem Hintergrund des zugrundeliegenden Menschenbildes zu sehen. Deshalb gibt es gerade für die wichtigsten Elemente des heutigen Modellversuchs von dorther keine Impulse. Von den planerischen Elementen waren die Schüler ausgeschlossen. Im Grunde geht es uns mit dem Modellversuch auch um einen neuen Begriff von Arbeit. Dabei kann die Vergangenheit nicht helfen.