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Vorwort


Professor Rita Süssmuth



Wenn die Schulzeit zu Ende ist, werden die letzten Zeugnisse ausgegeben, man trifft sich zur Abschlußfeier, und der Direktor hält eine schöne Rede. Ihr habt an unserer Schule viel gelernt, versichert er seinen Schülern, nun entläßt euch die Schule ins Leben...


Das ist eine seltsame Formulierung, weil sie "Schule" und "Leben" voneinander trennt wie zwei Kapitel eines Buches. Zweifellos bildet der Abschied von der Schule einen tiefen Einschnitt im Leben junger Menschen; aber ebenso zweifelsfrei ist es ein Grundanliegen der Schule, diesen "Schritt ins Leben" vorzubereiten und zu erleichtern. Nicht um die Trennlinie zwischen "Schule" und "Leben" geht es, sondern um den schwierigen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt.


Diesem Übergang ist ein Schulversuch gewidmet, der seit 1995 an fünf Mittelschulen des Freistaates Sachsen durchgeführt wird. In Dresden, Bautzen, Großschönau, Hoyerswerda und Neustadt beteiligen sich Zehn- bis Sechzehnjährige an einem Vorhaben, das der "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" dient. Bereits der Titel verrät den Unterschied zum Unterricht gewohnter Prägung: Hier wird kein zusätzliches Fach gelehrt (und keine Zensuren stehen für den Lernerfolg!); die Schülerinnen und Schüler sind vielmehr - wie im "richtigen Leben" - vor eine komplexe Aufgabe gestellt, die sie gemeinsam bewältigen müssen. An jeder der fünf Schulen wurde eine Schülerfirma gegründet, die von Schülern für Schüler betrieben und nach den strengen Gesetzen eines Wirtschaftsunternehmens geführt wird. Die jungen "Mitarbeiter" können erworbenes Wissen anwenden und erweitern, sie können praktische Erfahrungen sammeln und selbständiges Handeln erproben. Mit spielerischem Ernst lernen sie bereits in der Schule Zusammenhänge kennen, die nach der Schule ihr Berufsleben bestimmen werden.


Der hier vorliegende Bericht versteht sich als Zwischenbilanz dieses Versuchs. Es berichtet in Gesprächen und Portraits über den bisherigen Verlauf. Es läßt die Beteiligten ausführlich zu Worte kommen, die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Erwachsenen, die das Vorhaben initiiert und von Beginn an begleitet haben. Entstanden ist kein "ausgeklügelt Buch", sondern ein sehr lebendiger Arbeitsbericht, in dem das freiwillige Engagement und die Freude an der Sache obenan stehen.


Bereits diese beiden Begriffe deuten an, wie wichtig der sächsische Schulversuch ist: Er will Einstellungen wecken, die – leider – nicht selbstverständlich sind. - Die Schule gehört zu den Problemfeldern unserer Gesellschaft, und das nicht, weil sie "versagt" hat oder weil Pädagogen ihre Aufgaben vernachlässigen, sondern weil Fragen, die die Gesellschaft an sich selbst hat, in der Schule besonders scharf zutage treten. Das demokratische Gemeinwesen ist ein hochsensibler Organismus. Es setzt das Selbstvertrauen und den Leistungswillen seiner Bürger voraus; es basiert auf einem Verständnis von Freiheit, das neben den Rechten stets auch die Pflichten des einzelnen bedenkt; und es verknüpft die Ansprüche des Individuums an die Gesellschaft mit seiner Verantwortung für das Ganze. Wo dieser Zusammenhang gestört ist, wird aus Zukunftsvertrauen erst Zukunftssorge, dann Zukunftsangst. Egoismus macht sich breit oder jene Gleichgültigkeit, die nur dem jeweiligen Tage lebt.


Haltungen, Einstellungen, die zum Grundverständnis der Gesellschaft gehören, muß der junge Mensch erst erwerben. Dabei spielt die Schule eine wichtige Rolle. Die Arbeit der Schulen ist immer ein Stück Zukunftsgestaltung. Wissensvermittlung ist wichtig, aber sie genügt nicht. Es geht um Bildung und Erziehung, und der erzieherische Auftrag der Schule umfaßt all das, was unsere Vorfahren in dem schönen Wort Tugenden zusammengefaßt haben. Deshalb ist dieser Schulversuch so wichtig: Er fordert die Schülerpersönlichkeit in ihrer Ganzheit, und er macht allen Beteiligten bewußt, daß die Schule ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens ist.


Das Projekt "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" hat einen weiten Weg zurückgelegt, ehe es an unsere Schulen gekommen ist. Auch das ist in diesem Büchlein nachzulesen. Träger der sächsischen Initiative ist die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in Berlin. Ich bin mit der Arbeit dieser Stiftung von Beginn an eng verbunden, ich habe miterlebt, wie der Kreis ihrer Aktivitäten in wenigen Jahren gewachsen ist: Heute ist sie für viele ein unentbehrlicher Partner. - Die Stiftung fördert Programme und Projekte, die jungen Menschen zugute kommen. Jedes ihrer Vorhaben ist eine Investition für die Zukunft. Dazu braucht sie kompetente Partner und potente Geldgeber, denn nur mit deren Hilfe werden aus guten Ideen praktische Vorhaben. Der Stiftung ist es gelungen, private Unternehmen und die öffentliche Hand so zusammenzuführen, daß Fachwissen, Erfahrung und finanzielle Ressourcen wie in einem Brennspiegel gebündelt werden. Das ist neu und bisher einmalig. Es verdient Anerkennung und Unterstützung.


Schulversuche laden zum Mitmachen ein. Die großen Türen stehen offen. Abschreiben ist erlaubt! Allen Beteiligten danke ich für ihr Engagement und wünsche ihnen auch künftig viel Freude bei ihrer Arbeit.





 


 
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