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Schülerfirma, Juniorfirma, Miniunternehmen, Schülerunternehmen

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1. Sächsisches Schülerreisebüro "Power-Tours" GmbH - 6. Mittelschule Hoyerswerda


Die 6. Mittelschule ist ein Neubau zwischen Neubauten: gegenüber ein langer Häuserblock, angrenzend eine Schwimmhalle, an die sich ein weiteres Schulgebäude anschließt - insgesamt keine 'anmutige Gegend'. - Die hochgewachsenen Bäume zeigen, daß auch Hoyerswerda-Neustadt in die Jahre gekommen ist, aber das Stadtbild bleibt auf seltsame Weise geschichtslos. Es gibt Menschen, die behalten ein Leben lang ihr Kindergesicht, nur daß es mit vorgerückten Jahren Spuren der Ermüdung zeigt. Daran muß ich beim Gang durch die Stadt denken. - Auf dem Weg zur 6. Mittelschule gehe ich neben einer Frau, die mir von ihrem Leben erzählt. Sie ist vor Jahren hierhergekommen, als ihr Dorf abgebaggert wurde. "Die Kohle, Sie wissen schon." Nun lebt sie in einem Altneubau, der gerade saniert wird. Aber die Probleme bleiben. "Alles wäre besser, wenn die Leute Arbeit hätten", sagt sie.


Die Kinder sind nicht anders als anderswo. Die 6. Mittelschule hat knapp 66 Schüler; sie unterrichtet zur Zeit in vier Profilen, für die zahlreichen Fachräume und Kabinette zur Verfügung stehen. Kein Zweifel: Auch in Hoyerswerda ist das Bildungsangebot breiter als das Freizeitangebot. Gerade deshalb war die Gründung von "Power Tours" eine wichtige und richtige Tat. Ich habe in allen fünf Versuchsschulen Mädchen und Jungen getroffen, die ihre Arbeit mit Begeisterung erledigen. Ein Grundzug des sächsischen Modellversuchs scheint mir die überall spürbre Freude an der Sache zu sein. Aus ihr erwachsen Initiative, Kreativität und jener Unternehmensgeist, der die Schülerfirma von der Arbeitsgemeinschaft gewohnter Prägung unterscheidet. Engagement allerorts, dennoch möchte ich behaupten: Die Identifikation mit 'ihrer' Firma ist nirgends so groß wie in Hoyerswerda.


1


"Power-Tours" GmbH bezeichnet sich selbstbewußt als "1. Sächsisches Schülerreise-büro". Zu Recht! Der "Gegenstand der Unternehmung" ist in Punkt 3 der Satzung ausführlich beschrieben.


Der Gegenstand der Power-Tours GmbH besteht in der Vermittlung und Organisation von Schulfahrten, Exkursionen, Ausflügen und Reisen für Klassen, Kinder- und Jugendgruppen sowie für Lehrer. In diesem Zusammenhang soll die Leitung und Aufrechterhaltung einer Kapitalgesellschaft erlernt werden.


Ein ehrgeiziges Programm, denn "Power-Tours" wendet sich mit seinen Angeboten nicht nur an die 6. Mittelschule. Stolz berichten die Gesellschafter, daß sie auch Aufträge von Grundschulen, Gymnasien und einem Kindergarten erhalten haben. Der Firmenprospekt verspricht:


Wir organisieren für Sie:
· Übernachtung/Verpflegung
· Zugverbindung/Fahrkarten
· Programme
· Sonderwünsche


Sie bekommen das komplette Paket, zahlen bei uns den Endpreis, und dann wünschen wir Ihnen eine "Gute Reise".


"Power-Tours" wurde am 11. April 1995 gegründet. Auf der Gesellschafterversammlung am 31. Januar 1996 (nach dem ersten Schulhalbjahr) wurde die "Auftragslage" der Firma Punkt für Punkt referiert:


Erledigte Aufträge: 8
Offene Aufträge, die in Arbeit sind: 16
Gestoppte Aufträge: 4


Die Auftraggeber waren Lehrer der eigenen Schule, Lehrer anderer Schulen und Privatpersonen. Als Reiseziele bereits stattgefundener Fahrten werden Klingenthal, Münchehofe, Lutherstadt Wittenberg, Seifhennersdorf und Byhleguhre (kennen Sie Byhleguhre?) genannt. Das ist eine ansehnliche Bilanz. Mit Stolz weisen die jungen Vermittler darauf hin, daß ihr erster Kunde inzwischen eine neue Reise bestellt hat!


2


"Power-Tours" ist als GmbH organisiert. Punkt 1 der Satzung heißt:


Der volle Name der Firma lautet: Schülerreisebüro Power-Tours Gesellschaft mit beschränkter Haftung.


Bei ihrer Gründung hatte die GmbH 15 Gesellschafter und verfügte über ein Stammkapital von 150.- DM.


Die Stammeinlagen sind in Geld zu erbringen. Jeder Gesellschafter ist verpflichtet, unverzüglich nach Abschluß dieses Vertrages einen Betrag in Höhe von DM 10.- auf seine Stammeinlage einzuzahlen. Der Rest ist auf Anforderung der Geschäftsführung zu errichten.


(Nur in Klammern sei angemerkt: Inzwischen ist unklar, ob eine GmbH mit einem Stammkapital unter 25.000 Mark überhaupt zulässig ist. Ein Rechtsgutachten bestreitet diese Möglichkeit. Wenn sich der dort formulierte Rechtsstandpunkt durchsetzt, scheidet die Schüler-GmbH als Unternehmensform aus. Aber die Frage geht weiter: Darf es dann eine Schüler-Aktengesellschaft mit 150 Mark Aktienkapital geben? Wieweit dürfen Unternehmensformen schülergerecht als Mini-Unternehmen 'zitiert' werden? Die pädagogische Legitimität ist durch die Praxis längst bestätigt. Aber was sagen die Juristen? Es gibt viele Fragen, die in der Praxis noch immer bona fide entschieden werden müssen.)


Am 31. Januar 1996 waren von 15 Gesellschaftern noch 13 übriggeblieben. Leider haben gerade die beiden Hauptschüler die Freude an der Arbeit verloren, so daß die Mitarbeiter gegenwärtig nur aus den Realschulklassen kommen. Auch die beiden Projektlehrer, Frau Reimann und Herr Jonack, sind Gesellschafter von "Power-Tours". Das unterscheidet die Hoyerswerdaer GmbH von den drei AG: Während die Lehrer dort zwar Anteile kaufen, aber nicht als gewählte Mitglieder in den Vorständen mitarbeiten können, sind die Lehrer hier voll einbezogen. Neben Sebastian Jawinski und Ralf Posselt arbeitet Herr Jonack als dritter, gleichberechtigter Geschäftsführer.


Ein Kreis von 15 (nunmehr 13) Gesellschaftern ist sehr eng gezogen. Bei 6 Geschäftsbereichen (Personal - Finanzen - Organisation/Sekretariat - Öffentlichkeits-arbeit - Dokumentation und Computer) kann jeder Bereich allenfalls von 2 Mitarbeitern wahrgenommen werden.Hinzu kommen jetzt 3 Mitarbeiter, die die Schülerzeitung "Power" herausgeben. Sie werden von Frau Reimann betreut. Ihre Hauptsorge: auch hier herrscht Personalmangel.


Die gern zitierte 'Decke' ist also dünn; im Sommer droht sie zu reißen. Der Geschäftsbericht rückt "das Problem der Mitgliederwerbung" an die erste Stelle, aber die daraus folgende Selbstverpflichtung ist so allgemein gehalten wie die Wahlversprechen der Politiker.


Es muß uns gelingen, dieses Problem bis zum Austritt der Mitglieder, die jetzt die 10. Klasse besuchen, zu lösen.


Es ist nicht bei der Absichtserklärung geblieben! Aus der allgemeinformulierten Zielstellung ist eine handfeste Werbestrategie geworden! Die Gesellschaft wird 'Power-Tage' veranstalten, an denen sie sich und ihre Arbeit den Mitschülern vorstellt. Dazu werden Flugblätter und Plakate angefertigt, die neugierig machen. Die Wandzeitung und die Schulzeitung werden natürlich einbezogen. Es wird Gespräche am Grill (mit Musik!) geben; und die wichtigen Klassen 7 und 8 werden gezielt angesprochen. Das alles geschieht am 30. April und am 2. Mai.


Über das Ergebnis dieser Aktion kann hier noch nicht berichtet werden. Ich halte es für bemerkenswert, weil sie den Charakter eine unternehmerischen Initiative hat. Damit kann sie Erfahrungen vermitteln, die über den Anlaß hinausreichen. Man konzentriert die Kräfte auf ein bestimmtes Ziel und setzt alle verfügbaren Hilfsmittel ein.


Zu fragen bleibt, wie die gegenwärtigen Probleme entstanden sind. Dafür kann es mehrere Ursachen geben. Die erste wäre die Kehrseite eines durchaus positiven Zustandes: Die Gesellschaft ist eine eingeschworene Gemeinschaft von Menschen, die seit einem Jahr miteinander arbeiten und dabei die Außenbeziehungen vernachlässigt haben. Mitgliederwerbung (die es gegeben hat!), wurde ohne Konsequenz betrieben. Das stimmt nur zum Teil. Zwar gibt es noch immer Schüler, die behaupten, sie hätten 'nie' etwas von "Power-Tours" gehört, aber meist ist diese Ignoranz nur ein Ausdruck von Desinteresse. Jetzt wurde vereinbart, daß die Gesellschafter am Schluß der sechsten Unterrichtsstunde in einzelne Klassen gehen, um die Firma vorzustellen. - Eine andere Ursache kann in den Anforderungen liegen, die an jeden Bewerber gestellt werden. Mancher ist gekommen und wieder gegangen. Hier gibt es keinen Pausenjob, der mit dem Stundenklingeln erledigt ist. Die jetzigen Gesellschafter verbringen einen großen Teil der Freizeit in ihrem Büro. Ist das Reisebüro nur eine Sache für Enthusiasten? Überfordert es die Schüler? - Eine dritte Ursache kann sich aus der Organisation des Unternehmens als GmbH ergeben. Alle Aktiengesellschaften verfügen in ihren Anteilseignern über einen Fundus potentieller Mitarbeiter, die man ansprechen und einbeziehen kann. "Power-Tours" aber besteht nur aus diesen 13 Gesellschaftern. Kann man sich eine stille Reserve schaffen, die auf Abruf bereitsteht? Allgemeine Werbung würde rasch an die Grenzen des Unternehmens stoßen. Nach Meinung der jetzt Tätigen liegt die kritische Grenze bei "etwa zwanzig" Mitarbeitern. Aber die müssen erst einmal zusammenkommen.


Ich bin sicher, daß "Power-Tours" nicht austrocknen wird; der Zufluß neuer Gesellschafter wird kommen. Not lehrt nicht nur beten, sie macht auch erfinderisch, und mit der Zuspitzung der Probleme wächst die Energie, ihrer Herr zu werden. Am Schülerreisebüro zeigt sich freilich zugespitzt ein Problem, mit dem sich auch alle anderen Unternehmen auseinandersetzen müssen: Die Gründungen waren vornehmlich eine Sache der 'Großen'; die ersten Mitglieder kamen fast ausnahmslos aus den 9. und 10. Klassen. Nun treten sie geschlossen ab. Wenn sich das Dilemma nicht in jedem Jahr wiederholen soll, dann müssen die 7. und 8. Klassen einbezogen werden. Der Anfang ist gemacht.


3


Alle Unternehmen haben aktive Werbeabteilungen, die phantasievoll und mitunter witzig Reklame für ihre Firma machen. Man hat sich was einfallen lassen! In diesem Zusammenhang muß die insgesamt erfreuliche Unterstützung durch die regionalen Medien hervorgehoben werden. Die ortsansässigen Zeitungen, der Hörfunk und in einigen Fällen auch das Fernsehen haben über die Gründungen berichtet. Das ist in einer Zeit, in der die Medien - allen voran das Fernsehen - Wirklichkeit für viele Menschen nicht reflektieren, sondern schaffen, eine große Hilfe. Wer 'im Fernsehen' ist, der gilt was! Nicht nur der Hörfunk (Radio PSR und der Musiksender VIVA) hat über "Power-Tours" berichtet. Der Bericht vermerkt:


Weiterhin hat der stadteigene Sender HOY-TV eine Reportage über unsere Firma gedreht, wodurch wir weitere Kunden gewinnen konnten. - Dadurch wurde auch in der Stadt bekannt, daß es hier eine Schulfirma gibt.


Der Geschäftsbericht benennt den entscheidenden Punkt: Daß in einer Schule ein Schülerkiosk geöffnet wurde, spricht sich bald herum. Man kommt, man kostet, man kommt wieder. Die Werbeabteilung reizt den Appetit, indem sie auf besondere Angebote hinweist ("Heute warme Würstchen!") und an die Verkaufsstelle in der Schule erinnert. Sie unterstützt den Verdrängungswettbewerb gegenüber der Döner-Bude an der Ecke und dem nächstgelegenen Bäcker. - Beim Schüler-Reisebüro ist das anders. Ehe sich herumspricht, daß man dort zuverlässig und billig bedient wird, vergeht einige Zeit, und Aufträge von außerhalb kommen erst, wenn einer reiselustigen Schulklasse der Name "Power-Tours" einfällt. Also wurde Public Relations groß geschrieben.
Am 7. Oktober 1995 waren wir von "POWER-TOURS" erfolgreich am Schulfest der 6. Mittelschule beteiligt. Wir können sagen, daß dieser Tag für uns die Möglichkeit war, Kunden und Mitglieder zu gewinnen.


Man hatte sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: "Power-Tours" war als Sponsor aufgetreten und hatte die Bläsergruppe der Musikschule engagiert.
Am 14. Dezember 1995 haben zwei Mitglieder aus unserer Firma ein Referat am Berufswirtschaftlichen Gymnasium gehalten. Wir konnten dadurch Interesse für Angebote unserer Firma finden.
Ein weiterer Schritt im Sinne der Ö-arbeit war der Gang in die siebenten Klassen unserer Schule. Damit erhofften wir uns, neue Mitglieder für das kommende Geschäftsjahr zu finden.


Anläßlich des Schulfestes wurden
die Eltern unserer Mitglieder zu einer Kaffeerunde eingeladen. In diesem Zusammenhang konnten sie sich mit unserer Firma vertraut machen und die Arbeit ihrer Kinder kennenlernen.



Eine schöne Idee! Ein Hinweis in der Eingangshalle und ein Schaukasten gleich hinter der Glastür bewähren sich als Leiteinrichtungen für potentielle Kunden. Herr Milke, der Schulleiter, hat "Power-Tours" großzügig unterstützt: Die Firma verfügt über zwei zusammenhängende Geschäftsräume im Erdgeschoß. Einen hat sie selber renoviert. In einer Annonce würde man schreiben: Ein Reisebüro in bester Lage ...


Im Büro steht ein Computer und die Kaffeemaschine. Hier befinden sich die Geschäfts-unterlagen, Nachschlagewerke, Videos von Reisezielen und ein selbstproduzierter Werbefilm. Hier werden Verträge unterschrieben, Reisen zusammengestellt und Telephonate mit den Außenpartnern geführt. Hier kann man aber auch das neueste Video-Spiel ausprobieren, wenn der Computerplatz gerade ungenutzt ist.


Die Vorbereitung einer Reise vom Kundenwunsch bis zur Übergabe der Fahrkarten ist ein langwieriger Vorgang, weil die eigenen Vorstellungen mit vielen Geschäftspartnern (Bus und Bahn, Jugendherbergen und Landschulheimen, Verpflegungsstellen und Versicherungen) abgestimmt werden müssen. "Power-Tours" muß Angebote einholen und Preise vergleichen: Busunternehmer A verlangt 250 Mark, Busunternehmer B nur 150. Als A das hört, sagt er: Ich mache es auch für 150! Okay, sagt die Firma, warum nicht gleich so. Genau so hat es sich zugetragen. - Ehe es zu dieser Verständigung über einzelne Abschlüsse kommen konnte, mußten Geschäftsbeziehungen angebahnt und gegeneinander abgewogen werden. 15 Versicherungsangebote wurden geprüft. 11 Busunternehmen wurden um Angebote gebeten (nur 3 nahmen die Offerte ernst). Alle Geldinstitute wurden abgeklopft; nur die Vereinsbank war bereit, mit "Power-Tours" zu kooperieren.


Eine Reise beansprucht im Durchschnitt vier Wochen Vorbereitungszeit, oft auch mehr, denn die Landschulheime sind überfragt; Absagen müssen einkalkuliert werden. Probleme gibt es mit Jugendherbergen. Nicht alle akzeptieren ein S c h ü l e r reisebüro als Vertragspartner ... Und natürlich gibt es Stornierungen von Aufträgen, weil sich's der Kunde anders überlegt hat. Die Segeltour platzt. Der Schulausflug entfällt. Dann hat "Power-Tours" umsonst gearbeitet. Der Kunde zahlt nur, wenn die Vermittlung zustande gekommen ist. Übrigens muß jeder abgeschlossene Vertrag die Unterschrift des Klassenleiters tragen, der nach der Reise auch berichtet, wie alles geklappt hat. Sie sind ganz schön clever, die jungen Leute von "Power-Tours" ...


Das Reizvolle, so glaube ich, liegt in der Vielseitigkeit der Anforderungen. Unternehmensgeist in seinem ursprünglichen Sinn ist gefragt: 22 Zwölfjährige wollen eine Woche lang in den Spreewald fahren. Sie wollen eine Kahntour machen, Lübbenau besuchen und in einer Unterkunft schlafen, wo es morgens und abends etwas zu essen gibt. Der Preis soll nicht mehr als 200 Mark betragen. - Das Beispiel ist erfunden, aber nicht aus der Luft gegriffen. "Power-Tours" ist gefordert. Ehe die Geldfragen entschieden werden, müssen viele andere Fragen geklärt sein. Kreativität ist gefragt, Vielseitigkeit und geisti-ge Beweglichkeit. Gerade das, so versichern die Beteiligten, macht den meisten Spaß.


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Ich habe versucht, den typischen Geschäftsführer zu ermitteln, den Idealtyp einer Unternehmensleiterin oder eines Unternehmensleiters. Es ist mir nicht gelungen. Die individuellen Besonderheiten fallen viel stärker ins Auge als Wesenszüge, die auf gemeinsame Eigenschaften schließen lassen. Sicher sind die Mädchen und Jungen an der Spitze der Unternehmen 'starke Persönlichkeiten' (deshalb wurden sie von ihren Mitschülern gewählt!), doch die Projektlehrer sagen übereinstimmend, daß diese Stärken erst in ihrer Funktion richtig zutage getreten sind. Selbstbewußtsein, Durchsetzungsvermögen und Eloquenz waren eher Ergebnis als Voraussetzung des übernommenen Amtes. Zweifellos vorhandene Anlagen entwickelten sich erst, als sie herausgefordert wurden. Auffällig ist: Die Geschlechter sind völlig gleichberechtigt. Quotenregelungen werden nicht benötigt. Die Mädchen sind ebenso couragiert und souverän wie ihre männlichen 'Kollegen'. Akzeptanzproblemen müssen sich beide stellen: Das Amt ruft auch Neider(innen) und Spötter(innen) auf den Plan. "Na, du bist ja jetzt ...!" Aber nirgends hat es ernsthafte Auseinandersetzungen gegeben. Den unerläßlichen Rückhalt geben die - durchweg guten und vertrauensvollen - Beziehungen zu den Projektlehrern. Sie raten und helfen. Sie spannen das rettende Nwtz, wenn ein Drahtseilakt mißlingt. Da es an jeder Schule mehrere Projeklehrer gibt, kommen nicht nur unterschiedliche Temperamente zu ihrem Recht. In Bautzen, hörte ich, gehen die Mädchen eher zu Frau Guhl, die Jungen lieber zu Herrn Illmer. Sie ergänzen einander.


Sebastian Jawinski und Ralf Posselt, zwei gleichberechtigte Geschäftsführer von "Power-Tours", beide Schüler der 10. Klasse, sind ein bewährtes 'Gespann', obgleich (oder: weil?) sie in vielem verschieden sind. Bei der Besetzung für einen Film über ein Schülerunternehmen sollte man beide auswählen: sie gäben ein gutes Doppel ab! Sebastian ist temperamentvoll, beweglich, redegewandt und von dem Wunsch besessen, alles selbst zu machen. Dabei überhebt er sich gelegentlich, aber er ist ein Managertyp der guten Art! Er ist kontaktfreudig: er 'kann mit den Leuten'.


...unter Sebastians souveräner Leitung wurde die Gründungsversammlung ein Erfolg,


steht in einer Mitteilung der Werbeabteilung. - Ralf ist stiller als sein Partner, ausgeglichen, eher zurückhaltend. Er ist nicht ohne Temperament, aber ohne Hektik. Sebastian ist witzig, er sucht die Pointe; Ralf besitzt einen verschmitzten Humor. Nicht zufällig hat Ralf die Aufsicht über alle Finanzgeschäfte. Man kann sich auf ihn verlassen.


Sie sind ein ideales Duo. In der Zusammenarbeit mit Herrn Jonack haben sie gelernt, was gemeinsame Leitungsarbeit vermag. Jeder tut seine Pflicht, selbständig und eigenverantwortlich; und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Nun gehen sie auseinander. Sebastian will Kinderkrankenpflege erlernen und später eine Fachschule besuchen; Ralf möchte Einzelhandelskaufmann werden. Hoffentlich klappt's.


PS: Sebastian hat drei jüngere Geschwister. Beide Elternteile arbeiten. Wenn die Mutter zur Schicht geht, kümmert er sich um den Haushalt. Er ist keiner von denen, die über unausgefüllte Freizeit zu klagen haben. Er bestätigt vielmehr eine alte Erfahrung: Zeit hat nur, wer sie einteilen muß.


5


Es wurde an anderer Stelle bereits erwähnt, daß "Power-Tours" sich gegen die Form einer Aktiengesellschaft entschieden hat, weil man sich nicht "dem Leistungsdruck gegenüber den Aktionären" aussetzen wollte. Niemand wußte, ob die angebotenen Leistungen auch angenommen würden. Inzwischen liegt der Geschäftsbericht vor: Die Arbeit hat sich auch finanziell gelohnt. Die Gesellschaft verzeichnet einen Gewinn von 1159,80 DM. Das ist beträchtlich, denn "Power-Tours" verwöhnt seine jungen Kunden durch kleine Preise. Die Vermittlungsgebühren (im Durchschnitt 1 Mark pro Tag und Person bei jeder Reise, die zustande kommt) sind für alle erschwinglich. Es geht nicht um große Gewinne: Wichtiger als der Betrag ist das angewandte Prinzip: Eine Leistung wird nicht umsonst erbracht - weder für den Kunden noch für den Unternehmer.


Bei "Power-Tours" wurden 1996 keine Gewinnanteile ausgeschüttet, sondern Prämien gezahlt. Die höchste Summe (dreimal vergeben) betrug 40.- DM, die niedrigste 5.-DM. Insgesamt 180.-DM. Man mag diese Prämierung - ausgiebig diskutiert und dann beschlossen - für unangemessen halten. Was sind heutzutage 5.- Mark! In welchem Verhältnis steht diese Summe zu dem, was einer ein Jahr lang an Zeit und Kraft investiert hat! - Ich habe die Prämienverteilung miterlebt und kann versichern, daß alle Beteiligten stolz auf ihre Auszeichnung waren. Keiner war unzufrieden. Niemand hat diese "peanuts" verächtlich angeschaut. Hier (wie in anderen Unternehmen) zeigt sich, daß man durchaus gewinnorientiert, aber nicht gewinnsüchtig arbeitet. Nicht die absolute Summe, sondern die Relation zu anderen Summen verschafft dem einzelnen ein mehr oder weniger großes Erfolgserlebnis. Daß man für eine Sache, die Spaß gemacht hatte, auch noch Geld bekam (bei jeder anderen Gelegenheit muß man für den Spaß zahlen!), das erzeugte in Hoyerswerda eine Hochstimmung, die sich jedem der Anwesenden mitteilte. Da die fünf Schülerunternehmen an verschiedenen Orten arbeiten, wurden keine Vergleiche angestellt: warum haben die mehr als wir ... Doch selbst wenn A erfährt, was B bekommen hat, sind neidvolle Vergleiche unwahrscheinlich. auch die umsatzstarken Unternehmen zahlen keine großen Summen.


Fazit: Gewinn und Profit werden als Kategorie erfolgreicher geschäftlicher Tätigkeit durchaus ernst genommen. Niemand will rote Zahlen schreiben; doch im Gegensatz zum realen Geschäftsleben wird aus dieser Gewinnabrechnung kein Anspruch auf persönliche Bereicherung abgeleitet. 's ist wie vormals bei den Mönchen: der Orden soll wachsen und seinen Reichtum mehren; doch das kleine Mönchlein bleibt bedürfnislos


6


Alle Unternehmen haben ihre Grundausstattung aus Zahlungen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung finanziert. Die 6. Mittelschule in Hoyerswerda hat fast 13.000 Mark bekommen, dazu kamen 3.600 Mark von der Staatsanwaltschaft und 60.- aus einer Spende. Das ist ein solides Startkapital, und mit sichtlichem Stolz präsentiert man die aktuelle "Inventarliste"


2 Schrankwände
4 Schreibtische
1 Stahlschrank
1 Kaffeemaschine
1 Scanner
1 Telefon mit Faxgerät und Anrufbeantworter
1 komplette Computeranlage (Monitor/Tastatur/Tower)
1 Drucker



Die Aufstellung verschweigt nicht, daß zwei wertvolle Inventarstücke fehlen:


Mit zu erwähnen ist, daß uns in diesem Geschäftshalbjahr zwei Videorecorder durch Diebstahlabhanden gekommen sind.


Das ist ein herber Verlust; immerhin: Die Arbeitsfähigkeit der Firma ist auch ohne Video gesichert (ein neuerRecorder soll nun aus dem Überschuß gekauft werden). - Ohne die Mittel von der DKJS wäre keines der fünf Unternehmen auf die Beine gekommen. Aber wie geht's weiter? Die Zuwendungen fließen nicht aus einem 'ewigen Brünnlein', unter das man jederzeit die offenen Hände halten kann. Wenn die Unternehmen weiter-existieren wollen, müssen sie auch finanziell selbständig werden. Andere Ressourcen sind gefragt.
Es geht um Sponsoren.


Sponsering (von einigen noch immer als 'Sponsóring' ausgesprochen) gehört zu den Zauberworten der Marktwirtschaft. Einen Sponsor finden ... das scheint manchem wie der Schlüssel zur Lösung aller finanziellen Probleme.


Die Kehrseite dieser Heilserwartung ist eine ebenso magische Scheu, sich dieses Schlüssels zu bedienen. In den fünf Schülerunternehmen spielt sponsoring bislang eine untergeordnete, im Hinblick auf die zur Verfügung gestellten Summen sogar eine marginale Rolle. Wohlgemerkt: Es geht uns auch hier weniger um die Höhe und den Umfang dessen, was die einzelne Firma bekommen hat. Sponsoring ist ein Instrument, das man beherrschen und bei Bedarf handhaben muß. Dazu muß man wissen, worum es geht, und man muß jenen inneren Vorbehalt überwinden, der sich gegen jede Form von 'Bettelei' sträubt. Er ist in den östlichen Bundesländern noch immer virulent.


Sponsoring ist längst eine gesellschaftliche Einrichtung mit festen Regeln. In gewichtigen Büchern ist aufgelistet, wer wofür wieviel zur Verfügung stellt. Wer einen Sponsor anspricht, appelliert nicht an dessen Mildtätigkeit, er ersucht ihn vielmehr, wohlwollend zu überprüfen, ob er dem neuen Antragsteller vom bereitgestellten Kuchen ein schmales Stück zuteilen kann. Das müssen die Geschäftsführer und Finanzverwalter der Schülerfirmen lernen: Es gehört zu dem, was der Modellversuch ihnen vermitteln kann.


Im Geschäftsbericht von "Power-Tours" gibt es einen Abschnitt, überschrieben "Partner und Sponsoren". Dort steht:


Großen Dank können wir unseren Partnern und Sponsoren aussprechen.


Es folgen Namen: Die Vereinsbank, die Deutsche Angestellten Krankenkasse, das Expert Elektronic Center Hoyerswerda und das Computerfachgeschäft Vobis. - Das klingt bedeutend. Beim zweiten Hinsehen erweisen sich die meisten Hilfestellungen als Leistungen eines ganz selbstverständlichen Kundendienstes. Vereinsbank und DAK haben immerhin ein paar Preise gestiftet, aber wenn der Bericht hervorhebt, daß die Bank


uns in allen Finanzfragen tatkräftig mit Rat und Tat zur Seite steht,


wenn dem Electronic Center attestiert wird:


Diese Einrichtung beriet uns beim Kauf unserer Filmausrüstung,


und Vobis belobigt wird:


Das Geschäft lieh uns einen Ersatzdrucker als unserer defekt gewesen ist,


dann möchte man den jungen Reisevermittlern zurufen: Seid nicht allzu bescheiden! Ihr seid nicht nur Nehmende! Die Projektlehrer sehen die Sache kritischer: Sie halten den gegenwärtigen Stand für unbefriedigend, zumal sie sicher sind, daß es in Hoyerswerda potente Sponsoren gibt, die man nur ansprechen muß! Da "Power-Tours" über die Schulgrenzen hinaus wirksam wird (ein Reisebüro der Stadt empfindet die Schüler gar als Konkurrenz!), geht von ihm auch eine Werbewirkung aus. Und das ist die 'Münze', mit der für jede Art sponsoring gezahlt wird.


Was hier am Beispiel von "Power-Tours" dargelegt wurde, gilt sinngemäß auch für alle anderen Unternehmen. Im Grunde ist die Suche nach geeigneten Sponsoren ein Teil jener Öffnung in die Schulumwelt, die zu den Grundanliegen des Modellversuchs gehört. Diese Öffnung wird sich mit Notwendigkeit vollziehen, sobald die einzelnen Unternehmen spüren, daß die eigenen Kräfte nicht ausreichen. Noch handeln "Power-Tours" und seine Combattanten weitgehend autonom, noch sind viele Kräfte im Inneren gebunden. Je selbstbewußter die Schülerfirmen werden, um so selbstverständlicher werden sie ihre Angebote (und ihre Ansprüche!) nach draußen tragen.


7


Bernd-Joachim Ertelt, Professor an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung in Mannheim, hat in einem Beitrag über "Methodische und lerntheoretische Aspekte der Projektarbeit" festgestellt:


Der grundlegende Unterschied zu anderen Lehrveranstaltungen ist, daß Projekte von der Aufgabenstruktur her "offene" Lernsituationen darstellen, d. h. in der Regel keine eindeutigen und vorher feststehenden Lösungen vorhanden sind. Auch sind Umfang und Struktur der Aufgabe (kurz Sachstruktur) schwerer abzuschätzen, so daß die notwendigen Lernvorausset-zungen und Denkoperationen (kurz Lernstruktur) erst während des Lernvor-gangs genauer bestimmbar und damit planbar werden.


Die Feststellungen beziehen sich nicht auf Modellversuche an allgemeinbildenden Schulen, sie können für unseren Zusammenhang aber unbedenklich herangezogen werden, da sie von anderen Autoren bestätigt werden. Was Ertelt schreibt, erscheint zunächst als Binsenwahrheit. Jeder kann seine Ausführungen bestätigen. Interessant sind sie, weil sie auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam machen.


Die Geschäftsberichte weisen den unternehmerischen Erfolg (oder auch Mißerfolg) einer Firma aus. Über den Erfolg (oder Mißerfolg) sagen sie kaum etwas. Natürlich ist das zuerst Sache der betreuenden Lehrer, die ihre Einsichten - wie im vorliegenden Aufsatz - verallgemeinern und publizieren. Aber können nicht auch die beteiligten Schüler reflektieren, was ihnen das Projekt vermittelt hat, und zwar nicht im Sinne allgemeiner Feststellungen, sondern in konkreten Antworten auf konkrete Fragen? 'Was lernt uns das?' Die Frage ist nicht so falsch wie ihre sprachliche Form. Da die ausscheidenden Schüler im sächsischen Versuch meist Schulabgänger der 10. Klassen sind, werden sie fähig und bereit sein, ein Projekt einzuschätzen, das sie noch mit dem Wissen des Beteiligten und schon mit dem Abstand des Ehemaligen betrachten. Der Wert ihrer Aussagen kann anfangs gering sein; er wächst, wenn dieselben Fragen im Sinne eines Langzeitversuchs nach einem Jahr erneut gestellt werden. Sind die 'Nachkommen' klüger? Gibt es akkumulierte Erfahrungen? Können die Späteren von Vorgaben ausgehen, die als "vorher feststehende Lösungen" eingebracht wurden, abgeleitet aus den Erkenntnissen ihrer Vorgänger? Verläßliche Antworten auf diese Fragen kann es nur geben, wenn der Modellversuch zum Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung wird.


Und genau das soll geschehen! Volker Köditz, seit Jahren an der Planung der Modellversuche beteiligt, arbeitet als wissenschaftlicher Begleiter des Projekts "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmensgeist" in den Bundesländern Hessen, Sachsen und Berlin. Diese dreigeteilte (und damit verdreifachte!) Beobachtung sichert die Ergebnisse der einzelnen Versuchsprogramme, vergleicht sie und verallgemeinert sie. "Power-Tours", so dürfen wir behaupten, hat relevante Aussagen beizusteuern.