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Schülerfirma, Juniorfirma, Miniunternehmen, Schülerunternehmen

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Gespräch mit Jürgen Bollmann, Projektlehrer an der Mittelschule Großschönau


Gugisch: Herr Bollmann, gemeinsam mit zwei Kollegen betreuen Sie "Young Company" als Projektlehrer. Gibt es zwischen Ihnen eine Arbeitsteilung?


Bollmann: Es gibt eine Arbeitsteilung. Frau Blencke kümmert sich um die Zeitung, Herr Frenzel ist für die künstlerische Werbetätigkeit verantwortlich, und bei mir liegt die ganze Organisation der Firma, speziell der beiden Kioske.


Gugisch: Wie wird Ihnen diese Arbeit angerechnet?


Bollmann: Normalerweise bekommen wir Abminderungsstunden, aber da die Schule keine freien Stunden hat, wird uns die Zeit als Überstunden gutgeschrieben. Herr Frenzel bekommt 2, Frau Blencke 5 und ich 6 Stunden.


Gugisch: Wie wird das im nächsten Jahr, wenn es für das Projekt keine Stunden mehr gibt? Machen es dann die Schüler allein?


Bollmann: Wir wissen nicht, wie es wird. Allein können es die Schüler nicht bewältigen. Aber das Projekt wird nicht wegen der Lehrer sterben.


Gugisch: Sie sind von Anfang an dabei. Wie ist es zu dem Projekt gekommen?


Bollmann: Herr Hauser, unser Schulleiter, kam zu mir nach einer Beratung im Oberschulamt mit dem Plan der Kinder- und Jugenstiftung, solch ein Projekt durchzuführen. Daraufhin habe ich geprüft, ob es den Interessen unserer Schule entsprechen könnte, und habe dann ein erstes Konzept erarbeitet.


Gugisch: Mit inhaltlichen Vorstellungen?


Bollmann: Ich habe die Lehrpläne der Profilbereiche an den sächsischen Mittelschulen - also nicht nur an unserer Schule - analysiert und versucht herauszufinden, welche Stellung eine Schülerfirma innerhalb der Profilbereicheeinnehmen kann.


Gugisch: Aber die Profile sind an den einzelnen Schulen ganz unterschiedlich.


Bollmann: Das ist richtig, aber an allen Schulen wird wirtschaftliches Grundwissen vermittelt. Ich wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, das Unternehmen als Verbindung zwischen den einzelnen Profilfächern zu nutzen.


Gugisch: Und was ist dabei herausgekommen?


Bollmann: Es geht. Es wäre machbar. Bei Engagement der Kollegen und Spaß an dieser Form der Arbeit wäre es theoretisch machbar. Aber praktisch scheitert es an der Unbeweglichkeit vieler Kollegen. An alteingefahrenen Vorstellungen, die in ausgefahre-nen Gleisen laufen.


Gugisch: Halten die Kollegen von der ganzen Sache nichts oder ist es ihnen einfach zu unbequem, sich auf etwas Neues einzustellen?


Bollmann: Es ist eine sehr aufwendige, langfristig schlecht planbare Anglegenheit. Das schreckt ab.


Gugisch: Also ihre Vorstellung war: was das Unternehmen macht, findet seinen Niederschlag in den einzelnen Unterrichtsfächern. Können Sie Beispiele nennen?


Bollmann: Natürlich. Das Fach Wirtschaft, das ich unterrichte, übernimmt die gesamte wirtschaftliche Aufarbeitung. Das Fach Deutsch erstellt die Schülerzeitung; das ist ab Klasse 7 möglich. Das Fach Technik produziert einfache Gegenstände - Scharniere werden hergestellt, Treibriegel, kleine Rechen -, das alles könnte vermarktet werden, da die Schüler ihre Sachen selbst bezahlen. Das hauswirtschftliche Profil arrangiert kalte Platten, das geht in Richtung Schülerkiosk, es kann belegte Brötchen anbieten und eine Projektwoche Gesunde Ernährung ausrichten. Das musische Profil, das wir an unserer Schule haben, übernimmt den Veranstaltungsservice, es bereitet Konzerte und andere Veranstaltungen vor - und der Mittelpunkt aller Aktivitäten ist die Firma! Das wäre der Idealfall.


Gugisch: Nichts von alledem wurde realisiert, mit einer Ausnahme: Sie beziehen die Wirtschaftsführung der Firma in ihren Unterricht ein.


Bollmann: Wir haben zwar eine Firma in der Schule, aber die Kollegen nutzen den Praxisbezug relativ wenig.


Gugisch: Was heißt relativ?


Bollmann: Im Deutschunterricht wurde jetzt zum ersten Mal ein Artikel für die Schülerzeitung erarbeitet. Vielleicht ist das ein Anfang. Im Hauswirtschaftsunterricht wurde ein einziges Mal etwas für den Kiosk gemacht. Im Technikunterricht wurde die Jalousie am Kiosk angebracht, weil es die Hausmeister nicht geschafft hatten. Das war's schon, und alles geschah erst nach beständigem Nachfragen. Wir haben noch keinen Bezug zur Kunsterziehung, obwohl er sich anbietet. Hier wirkt die kommerzielle Nutzung der Arbeit als Barriere. Die Leistungen sollen abgerechnet werden. Das bildet für viele Lehrer ein Hemmnis.


Gugisch: Wie steht der Schulleiter zu "Young Company"?


Bollmann: Er war im Anfang begeistert. Er hat eine starke Beziehung zu musischen Fragen und hat die Schüler gedrängt, den Veranstaltungsservice aufzunehmen. Als der Veranstaltungsdienst den Bach 'runter ging, verlor er das Interesse an der Firma, aber nachdem er gemerkt hat, daß die Sache läuft und auch außerhalb der Schule Anerkennung findet, steigt auch seine Freude daran wieder. Er hat uns im letzten halben Jahr - zum Beispiel beim Kiosk - sehr unterstützt, wobei wir den Ausbau selbst finanziert haben.


Gugisch: Sie sind als Projektlehrer für "Young Company" verantwortlich, und Sie nutzen als Wirtschaftslehrer die Firma als Gegenstand für Ihren Unterricht. Ein idealer Fall. Wie läuft das in der Unterrichtspraxis?


Bollmann: Ein Beispiel aus der Klasse 8: Da geht es um den Betrieb. Aufbau und Funktion eines Unternehmens, Unternehmensform, Gliederung des Betriebes, die Abteilungen Beschaffung, Produktion, Absatz, und die gesamten Fragen der Betriebswirtschaftslehre. Das behandele ich seit diesem Jahr konkret am Beispiel der "Young Company". Wir spielen auch Fälle durch: Was würde sich ändern, wenn aus der Aktiengesellschaft eine GmbH würde oder eine Offene Handelsgesellschaft. Es ist nur bedauerlich, daß nicht alle Schüler aus dem Profil Wirtschaft in der "Joung Company" sind; andererseits ist unser Geschäftsführer, der André Kahle, nicht im Wirtschaftsprofil. Er macht learning by doing.


Gugisch: Interessieren sich die Mitarbeiter der Firma für die wirtschaftliche Seite des Unternehmens? Geht es ihnen auch ums Geld oder wollen sie nur den Spaß an der Sache?


Bollmann: Das Schuljahr über intessiert sie das Geld nicht, doch wenn der Zahltag kommt, sind sie ganz heiß drauf. Da wir Gehälter bis hundert Mark gezahlt haben, war das 'ne ganz schöne Freude. Wir haben Schüler, die rechnen mit, und andere denken: Die werden es schon machen. Wir haben eine ziemlich strenge Ordnung in der Firma. Sie ist nach Verantwortungsbereichen gegliedert, damit die Arbeit abrechenbar wird. Im Verkauf wird täglich Inventur gemacht, das ist anstrengend, aber es wird eingehalten. Und es schreckt niemand ab. Wir haben mehr Verkäuferinnen, als wir beschäftigen können.


Gugisch: Wieviel Zeit stecken Sie als Projektlehrer in das Unternehmen?


Bollmann: Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht nachrechne. Die 6 Stunden pro Woche langen nicht. Aber es kommt ja für mich persönlich etwas dabei heraus: das Verhältnis zu den Schülern, das Verhältnis zu den Kollegen, die mit mir im Projekt arbeiten. Wir arbeiten gut zusammen. Außerdem hilft es mir im Unterricht. Und es macht Spaß.


Gugisch: Gibt es auch Vorbehalte gegen die Einführung marktwirtschaftlicher Kriterien in einer Einrichtung der Schule?


Bollmann: Gewiß gibt es Vorbehalte. Sie werden mir nicht ins Gesicht gesagt, aber sie werden so nebenbei geäußert. Da meint jemand: Die können das ruhig machen, die verdienen ja genug; oder die Sekretärin sagt: Für euch kopieren wir nicht mehr, ihr habt ja genug Geld ... Irgendjemand hat gefragt, ob das nicht Kinderarbeit ist ... Wir können damit leben.


Gugisch: Aber Sie haben nicht die Sorge, daß die Schüler nur noch in Profitkategorien denken?


Bollmann: Bei einem Stundenverdienst von etwa 26 Pfennigen wird das kaum möglich sein. Aber es ist für Schüler von 15, 16 Jahren ein schöner Anreiz, wenn sie am Ende 50 Mark für ihre Arbeit bekommen. - Das Geld ist nicht entscheidend. Die Hauptsache ist der Spaß an der Sache. Das gilt für die Lehrer wie für die Schüler. Wenn der Spaß weg ist, können Sie die Firma zumachen.





 


 
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